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Bild: Header des BR Kultur Newsletter
Bild: Junge auf Leiter vor Wolkenhimmel

Liebe Kultur-Fans,

ich musste diesmal keine Sekunde überlegen, ob es einen roten Faden für den Newsletter dieser Woche gibt. Der Begriff Freiheit, daran musste ich häufig in den letzten Tagen denken. Auch weil ich gerade das brillante Buch "Frei" der albanischen Philosophin und Politikwissenschaftlerin Lea Ypi gelesen habe. Sie schreibt über das Aufwachsen im stalinistischen Albanien der 1980er-Jahre (auf dem Foto oben). Ypi kommt aus der Familie voller Dissidenten, brennt aber als Schülerin für die Parolen der Partei. In ihrem Buch beschreibt sie das Spannungsfeld zwischen der negativen und der positiven Freiheit, vor und nach der Wende. Die formelle Freiheit von Verboten, Zwängen und Gesetzen bedeutet noch nicht, dass alle Menschen auch frei handeln können. Sie schildert auch eine Art der Freiheit, die uns immer erhalten bleibt: "Die Freiheit wird nicht erst dann geopfert, wenn andere uns vorschreiben, was wir sagen, wohin wir gehen und wie wir uns verhalten sollen. Und trotzdem verlieren wir trotz aller Zwänge nie unsere innere Freiheit: die Freiheit, das Richtige zu tun."

Darum geht es in diesem Newsletter: Wie sich verschiedene Freiheiten und Grenzen bzw. Ausgrenzungen anfühlen. Und um die Menschen, die ihren eigenen Weg, ihre Strategie finden, die innere Freiheit zu bewahren.

podcast "I will survive" 

Bild: I will survive

Es gibt einen neuen Shining Star am Podcast-Himmel. "I Will Survive" taucht in die sprudelnde queere Szene in München der 80er-Jahre ein: Travestie, Saunaclubs, Freddie Mercury und High Life bis zur Sperrstunde. Es ist auch der Beginn des Kampfes gegen ein Virus, über das erstmal nur schlimme Gerüchte kursieren: Es soll in den USA eine neue Krankheit geben, die vor allem Schwule befällt. Die Schuldigen werden also benannt, noch bevor das Virus einen Namen hat. In Bayern werden damals bundesweit einmalige Maßnahmen durchgesetzt. Der Podcast begleitet Menschen aus der Münchener Szene, die ihre Freund*innen an AIDS verlieren, die sich durch die Epidemie und die Ausgrenzung kämpfen müssen. Eine bewegende Dokumentation dieser Zeit. Sehr schön gemacht und erzählt. Hier geht es zur ersten Folge.

Lea Ypi über Freiheit

Bild: Lea Ypi

Mit ihrem autofiktionalen Roman "Frei" hat Lea Ypi vielleicht eines der besten Bücher über das Leben im Realsozialismus und die Folgen der Wende geschrieben. Heute unterrichtet Ypi Marxismus an der London School of Economics. Sie ist Professorin für politische Philosophie und Autorin renommierter Bücher über Immanuel Kant. Den Roman schreibt sie aber nicht aus der Perspektive einer Philosophin, sondern aus der Perspektive eines Kindes. So lustig und von sehr viel Leichtigkeit getragen. Am Ende des Buchs bekam ich aber einen Kloß im Hals, als ich ihre Tagebuchaufzeichnungen aus der Schule las: Als Teenager erlebt Ypi die bürgerkriegsähnlichen Unruhen in Albanien. Die waren die Folge der kollabierten Pyramidensysteme, in die viele Familien ihr ganzes Erspartes investiert hatten. Ypi zeigt sehr drastisch, wie die ökonomische Freiheit (freie Märkte, freie Initiative, "Schocktherapien", "Strukturreformen") nicht die gewünschte politische Gleichheit mit sich brachte. Wie ihre Familie trotz des Lebens in mehreren politischen Systemen keine Gesellschaft erlebt hat, die ihren Vorstellungen von Freiheit gerecht wurde. Sie schreibt: "Eine Gesellschaft, die von sich behauptet, jedes ihrer Mitglieder könne sein Potenzial entfalten, die es aber nicht schafft, jene Strukturen zu ändern, die einen Teil dieser Mitglieder vom Erfolg fernhalten, ist ebenfalls repressiv."

Egal ob ihr das Buch kennt oder nicht - schaut Euch unbedingt dieses lange Interview mit Lea Ypi an. Sie reist zurück nach Durres, wo sie aufgewachsen ist. Es ist ein Reisebericht, ein kluges Gespräch über die Geschichte Albaniens und über die aktuelle Politik. Ypi erklärt auch, was Kant mit dem Begriff Freiheit gemeint hat und warum er für sie so wichtig ist – in der klaren und verständlichen Sprache ihres Romans.

Paula Schlier und Hitlerputsch

Bild: Paula sucht Paula

Paula Schlier war eine Pionierin: Vor 100 Jahren hat sie schon Geschlechterrollen in Frage gestellt. Und über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz geschrieben. Und sie hat sich kurz vor dem Hitlerputsch 1923 beim Völkischen Beobachter eingeschleust, der Zeitung der NSDAP. Ihre Undercover-Recherche ist eines der ersten Beispiele für investigativen Journalismus im deutschsprachigen Raum. Nur knapp ist sie später dem KZ Dachau entgangen. Stattdessen landete sie 1942 in der Psychiatrie, wo sie die nationalsozialistischen Krankenmorde beobachtete, von denen sie später in ihrer nie veröffentlichten Autobiografie berichtete. Warum ist diese Widerstandskämpferin weitgehend vergessen – oder war sie vielleicht gar keine? BR-Reporterin Paula Lochte begibt sich auf die Spuren einer Frau, mit der sie Beruf und Vornamen teilt. Sie liest ihre Tagebücher, wühlt in Archiven, besucht Orte und geht die Wege, die Paula Schlier selbst gegangen ist. Daraus ist dieser sehr packende und gut erzählte Podcast "Paula sucht Paula" entstanden. Eine Empfehlung zum diesjährigen Tag der Befreiung vom deutschen Faschismus – ein Einblick in die Anfänge des Nationalsozialismus in München und in die Gedankenwelt dieser Frau, die früh deren Verbrechen dokumentierte. Für ihre Recherche wurde Paula Lochte gerade mit dem „Rainer Reichert-Preis“ zum Tag der Pressefreiheit ausgezeichnet.

Viele Gefängnisse von Albertine Sarrazin

Bild: Sarazzin

Diese Woche empfehle ich eins meiner Liebliengshörspiele: "Astragalus", eine sehr starke Adaption des Textes von Albertine Sarrazin. Das Streben nach Freiheit – das ist die Biografie von Sarrazin in nur einem Satz. Sie verbringt den größten Teil ihres kurzen Lebens in Erziehungsheimen, Besserungsanstalten und im Gefängnis, schlägt sich als Kleinkriminelle und Prostituierte durch. Während der vielen Verwahrungen schreibt sie drei autobiographische Romane, die mit Unterstützung von Simone de Beauvoir erscheinen. "Zum ersten Mal spricht eine Frau über ihre Gefängnisse", schreibt de Beauvoir. Auch die Musikerin Patti Smith ist ein Fan: "Ich frage mich wirklich, ob ich ohne sie die geworden wäre, die ich bin." Hier geht es zur Hörspiel-Adaption, komponiert von Katrin Schüler-Springorum.

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