Liebe Leser und Leserinnen
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neulich stieß ich bei einem Social-Media-Streifzug auf Bilder aus dem München der 1980er-Jahre: Die Sonne schien auf ein Altbau-Idyll in der Innenstadt, die Autos waren offenbar alle hochglanzpoliert, durch die Straßen zuckelte ein altes Trambahn-Modell. Ein paar Bilder weiter dann Aufnahmen vom Oktoberfest 1992: Fröhliche blonde Menschen in Dirndl und Lederhosen, kein einziger, der nicht lächelte, die pure Harmonie. In den User-Kommentaren darunter wimmelte es vor nostalgischer Sehnsucht: "Da war hier noch alles in Ordnung!", "Ich kann mich noch erinnern, richtig schön war das", so der Tenor. Heute ginge es ja nur noch bergab, spätestens seit 2015. Sie können sich den Rest denken.
Was offenbar keinem der Kommentatoren, mir auch erst auf den zweiten Blick, auffiel: Ein Wirtshaus auf einem der Fotos trug den Namen "Queci MunkiJe Desste Qteniur", die Trambahn war nicht etwa blau-weiß, sondern gelb-weiß, wie die Straßenbahnen in Lissabon. Auf dem Oktoberfest-Foto sahen die Brezen absolut misslungen und verdreht aus. Die Maßkrüge waren zu klein, einer der Männer trug offenbar eine Fliege zur Lederhose. Und gingen 1992 überhaupt schon alle in Tracht auf die Wiesn?
Die simple Antwort auf diese Rätselhaftigkeiten: Alle Bilder waren keine echten Fotos, sondern KI-generierter Quatsch, justiert auf Emotion und maximalen Aufmerksamkeits-Effekt. Die Trambahnen sahen damals nicht so aus, die Menschen nicht, die Straßen nicht. Die Kommentatoren feierten eine Zeit, die es nie gegeben hatte. Eine gute Erklärung dafür, warum gerade Rechtspopulisten auf KI zurückgreifen, um ihre Fiktionen der "guten alten Zeit" zu erschaffen, in der alle Deutschen blond und alle Mütter vier Kinder hatten. Und eine Warnung, wie leicht man sich täuschen lassen kann, wenn emotionale Reflexe getriggert werden.
Von mir gibt es diese Woche wieder garantiert KI-freie Empfehlungen, viel Spaß beim Lesen! Und: Falls Sie wirklich wissen wollen, wie es im München der Achtziger aussah, empfiehlt sich ein Blick ins BR24-Retro-Archiv, zum Beispiel einem Beitrag zur "poppigen" Münchner Fitnessmode aus dem Jahr 1986.
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der sich beim Anblick der KI-Bilder peinlicherweise auch gefragt hat, ob er als Kind nicht vielleicht doch mal in einer gelb-weißen Tram gesessen ist.
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Filmklau als Kavaliersdelikt
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Sie steht zwar schon seit ein paar Wochen in der ARD-Mediathek, ich habe aber erste verganene Woche die Zeit gefunden, mir diese sehr spezielle Dokumentation anzuschauen: "Der talentierte Mr. F.". Sie handelt von zwei deutschen Filmstudenten, denen ein junger Pseudo-Entrepreneur in den USA ihren Abschlussfilm geklaut hat, um damit in seiner Heimat Awards abzustauben. Nachdem sie, inszenatorisch leicht übertrieben, alle Details zum Leben des Diebs recherchiert haben, beschließen sie schließlich in die USA zu fliegen und ihn zur Rede zu stellen. Auch wenn das Ganze Längen hat, um die knapp 80 Minuten Spielzeit zu füllen (wir schauen den beiden etwa endlos lang beim Schlittschuhfahren in New York zu), ist die tatsächliche Konfrontation absolut sehenswert. Und zwar nicht, weil es hier kracht, alle in Tränen ausbrechen, oder der Schuldige die Flucht ergreit. Im Gegenteil: Im Moment, der den beiden Stundenten eigentlich eine Art Genugtuung verschaffen sollte, werden sie wortkarg und konfliktscheu. Der umso wortgewandtere Filmdieb schafft es, die beiden mit einem sehr amerikanischen "Ich habe einen Fehler gemacht und nun lernen wir alle daraus"-Sound so sehr einzulullen, dass sie danach fröhlich-verwirrt mit ihm Basketball spielen. Das erinnert mich ein bisschen an die KI-Konzern-Chefs, die sich auch oft als unschuldige Nerds inszenieren, sich aber tagtäglich an Kunst, Texten und Gedanken bereichern, die andere geschaffen haben.
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Während ich diese Zeilen schreibe, vermelden die Medien den Wahlsieg von Zohran Mamdani in New York. Man mag von dem erst 34-jährigen künftigen Bürgermeister halten, was man will, eines hat er aber bewiesen: Die Welt in der wir leben, kann sich von einem Tag auf den anderen ändern. So mancher Feuilleton-Prophet hatte zuletzt auch hierzulande einen unaufhaltsamen "rechten Vibe Shift" vorhergesagt und die USA dabei zum Schreckensbild schlechthin verklärt, einer nicht mehr zu rettenden Nation dumm-manipulierter Trump-Jünger. Mamdani ist es gelungen, erstaunlich viele dieser Wähler zurück ins demokratische Lager zu holen – obwohl (oder vielleicht gerade weil) er bis vor Kurzem noch ein absoluter Nobody war. Die Kollegen vom Tagesschau-Podcast 11km haben zu seinem Wahlsieg eine kurze Spezial-Folge gebastelt und die Stimmung in New York eingefangen.
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Ein rechter scheißdreck wars
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Ich bin nicht nur Kulturjournalist, sondern auch ein Grantler. Entsprechend froh bin ich, wenn beides zusammenkommt: Nämlich im Verriss, also dem verdienten In-die-Tonne-treten eines schlechten kulturellen Erzeugnisses. Dieses Genre hat in den vergangenen Jahren etwas gelitten. Dass es durchaus lohnenswert sein kann, sich auch als Fan von - sagen wir mal - Taylor Swift anzuhören, warum ein Kulturkritiker von deren Schaffen nicht gerade überzeugt ist, scheint ein wenig in Vergessenheit geraten zu sein. Natürlich sollte man nicht anlasslos oder allein aus Ragebait-Gründen einen kleinen, armen Künstler zugrunde richten. Handelt es sich aber um Pop-Millionäre oder sündhaft teure Blockbuster-Produktionen, darf man schon mal fragen, ob das ganze Geld nicht vielleicht umsonst ausgegeben wurde. Das hat mein Kollege Tobias Stosiek anlässlich des neuen "Dracula" getan, und zwar sehr unterhaltsam. Sein Urteil: "Dieser Film ist ziemlicher Schrott." Hören Sie selbst!
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Der Producer als Künstler
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Zugegeben, der Titel dieser Arte-Dokumentation über Beat-Produzenten ist etwas irreführend: "Producing Germany – die neuen Stars am im Rapgame". Vor allem, wenn das Ganze mit einer lebenden Legende wie Bazzazian bebildert ist, einem der innovativsten Produzenten Deutschlands, der dieses Game schon seit Jahrzehnten prägt und bereits ein Album unter eigenem Namen veröffentlicht hat. Vielleicht bin ich da als Schlafzimmer-Hobby-Produzent aber auch etwas überkritisch. Denn trotz der Titelgebung ist diese Mini-Dokumentation ein überfälliger Blick in die Studios dieser Menschen, die für die Tracks von Haftbefehl, Casper oder Olexesh verantwortlich sind. Sie sucht außerdem nach einer Antwort auf die Frage, warum Frauen bei den großen Namen noch eher selten am Mischpult zu finden sind. Aus dem Bauch würde man hier vielleicht antworten: Synthesizer, Beats basteln, ist doch Nerd-Kram, das machen Frauen einfach nicht so gern. Die Dokumentation beweist, dass es mittlerweile längst eine Menge talentierter Frauen gibt, die sich ihren Platz im Studio nicht länger vorenthalten lassen wollen.
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