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es gab da früher einen Satz, mit dem man sich, wenn auch auf zweifelhafte Weise, als Musik-Kenner ausweisen konnte: "Also von denen mochte eigentlich nur das erste Album." Oft gefolgt von dem Hinweis, dass die jeweilige Band oder Sängerin sich danach "ausverkauft" hätte. Der Sell-Out-Vorwurf schwebte über jedem Künstler, der von sich selbst behauptete, zu den "Guten" zu gehören, also fernab des Mainstreams zu stehen und nicht allein dem Geld hinterher zu sein.
Besonders einfallsreich war dieser Erstes-Album-Satz schon damals nicht. Durfte sich eine Band nicht weiterentwickeln? Und bezüglich Sell-Out: Sollte man sich nicht freuen, wenn die Bühnen, auf denen die Lieblingsband auftritt, immer größer werden? Als Reaktion auf den damals ständig getätigten Sell-Out-Vorwurf gab es in der Kulturkritik der Zehnerjahre den "Poptimismus", also eine betont wohlwollende Haltung gegenüber Musik, die man vorher als Massenware abgetan hatte. Damals war das eine notwendige Gegenbewegung, da sich die Albumkritiken im Pop nun nicht länger auf vornehmlich weiße, männliche Künstler mit Gitarren konzentrierten, denen man qua Geschlecht, Genre und Aussehen eine höhere Glaubwürdigkeit zuwies.
In der heutigen Zeit, in der nur noch wenige Musiker überhaupt noch von ihrer Kunst leben können, wirkt der Sell-Out-Vorwurf noch anmaßender. Trotzdem will ich in dieser Newsletter-Ausgabe mal folgende These ausprobieren: Wir brauchen ihn wieder, zumindest ein bisschen (und natürlich ohne den Rassismus und Sexismus).
Mein Gefühl in der Pop-Welt der Gegenwart ist nämlich folgendes: Der Sell-Out ist mittlerweile die Norm. Messwerte für Erfolg sind neben Konzerteinnahmen die Streamingzahlen und eine hohe Präsenz auf Social Media. Gewissermaßen müssen sich Künstler also heutzutage der Aufmerksamkeits-Ökonomie "ausverkaufen", um überhaupt wahrgenommen zu werden.
Den Sell-Out-Vorwurf würde ich daher auch gar nicht auf Künstler unterhalb der Weltstar-Ebene richten, sondern auf all jene, die mit ihrer Musik mehr als ausgesorgt haben – und sich trotzdem noch breiter machen. Deren Ticketpreise ins Astronomische steigen, die absurd teuren Merch verkaufen, während sie musikalisch eher stagnieren und auf Bewährtes setzen. Ich finde, das sollte man anklagen!
Alles Geschmacksfragen, könnte man nun sagen, nicht jeder mag Pop-Experimente, Groß-Konzerte sind natürlich ein Erlebnis – und kosten nun mal Geld. Und wenn Spotify einem vollautomatisiert bekömmliche Klänge ins Ohr spielt, ist das für die viele eine gute Sache. Trotzdem braucht es den Bruch mit der Bekömmlichkeit: Wenn eine Künstlerin wie Rosalía plötzlich ein vergleichsweise sperriges Klassik-Album abliefert, streamt sich das vielleicht nicht ganz so gut und gefällt auch nicht jedem. Es durchbricht aber die Stagnation und befreit uns Hörer vom Gefühl, dass im Pop - und vielleicht auch in der Welt - nichts Neues mehr passiert. Ich finde, dass erfolgreiche Künstler der Welt genau solche Momente schulden.
Denn: Nicht nur das in der Musikindustrie zu verteilende Geld, auch öffentliche Aufmerksamkeit ist begrenzt. Wenn sich zum Beispiel Adele eine eigene Arena in München bauen lässt und den ganzen Sommer mit alten Hits bespielt, ist das nicht nur ein Grund zum Jubeln. Die Musikindustrie neigt zu Monopolen, die Ressourcen konzentrieren, die anderen fehlen, etwa der Münchner Szene und den vielen anderen Konzerten, die im Schatten der Super-Arena keine Aufmerksamkeit bekommen.
Ein Konzert-Solibeitrag, wie er gerade diskutiert wird, könnte ein erster Schritt sein, um dieses Ungleichgewicht zumindest finanziell ein wenig auszugleichen. Es bräuchte aber auch beim Pop-Fan selbst ein Revival des "Sell-Out"-Denkens, nicht in Form der alten Arroganz gegenüber der "Massenware", sondern als eine Art ethischen Bewusstseins. Wer bei Ernährung, Kleidung und Reisen ansatzweise darauf achtet, dass alles unter fairen Bedingungen und ohne böse Großkonzerne stattfindet, könnte das doch auch beim Kultur-"Konsum" tun?
Ich weiß, Moral und Werte haben gerade weltweit einen schlechten Stand. Und ich bin eigentlich auch kein Fan davon, den Verbraucher (noch ein schreckliches Wort im Kultur-Kontext) für strukturelle Probleme in die Verantwortung zu nehmen.
Aber bevor man Tickets für das Konzert eines Millionärs kauft, der seine Fans nach allen Regeln der Kunst ausnimmt, könntet man ja kurz überlegen: Vielleicht gebe ich das Geld lieber für Konzerte von Menschen aus, die das alles noch ein bisschen aus Liebe machen?
Apropos Liebe, hier die Empfehlungen für diese Woche:
Wie man aus meinem Plädoyer oben vielleicht herauslesen kann, bin ich kein allzu großer Freund von Spotify. Der Zündfunk hat recherchiert, welche Alternativen es zum Streaming-Giganten gibt, wenn man Musikerinnen mehr als Mikrocents für ihre Arbeit zugestehen will. Ihr Fazit: Der Umstieg ist nicht leicht, zudem ist mit Bandcamp auch die Alternative meines Vertrauens bedroht von einer Kommerzialisierungswelle. Vielleicht ist eine neue Plattform namens Subvert die Rettung?
Dass Dokumentationen mir in den vergangenen Jahren oft zu hektisch geworden sind, hatte ich bereits im alten Newsletter-Format beschrieben. Bloß nicht den Zuschauer verlieren! "Where We Used to Sleep" ist das wohltuende Gegenteil. Der Abschlussfilm des HFF-Absolventen Matthäus Wörle begleitet eine Rumänin namens Valeria, deren Dorf noch zu Zeiten von Ceaușescu geflutet wurde, um die Abwässer eines Kupferbergwerks aufzufangen. Der Pegel des giftigen Sees steigt immer weiter an und rückt näher an ihr Haus. Sie bleibt trotzdem – und ist dabei ziemlich cool.
Jazz Kissas sind Bars in Japan, die auf die Hifi-Hörerei von Schallplatten ausgerichtet sind. Allein in Tokio gibt es über 100. Mittlerweile ploppen davon inspirierte Bars in vielen Großstädten außerhalb Japans auf, die sich dabei auch über den Jazz-Tellerrand hinauswagen. Als alter Plattensammler freue ich mich sehr, dass es eine solche Bar nun auch in München gibt. Sie heißt "Spin Bar", ist von Donnerstag bis Samstag geöffnet und wird von Vinyl-Liebhabern aller Art bespielt.
Bis nächste Woche, dann melde ich mich übrigens aus Tokio!
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