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Foto: Quentin Lichtblau / BR

Hallo zusammen,

wie versprochen melde ich mich heute aus Japan. Meinen Mitreisenden im Flugzeug nach zu urteilen, ist Japan derzeit wohl das beliebteste Reiseziel von Großstadt-Paaren in meinem Alter. Ich bin zwar beruflich hier, kann aber absolut verstehen, warum es gerade viele Leute nach Japan zieht. Das mag einerseits am günstigen Wechselkurs liegen, es hat aber glaube ich auch viel mit jener Nostalgie zu tun, die ich in der ersten Ausgabe dieses Newsletters thematisiert habe. Im westlichen Blick auf Japan finden sich viele Dinge, die bei Menschen meiner Generation schöne Erinnerungen auslösen.

Wer mal durch New York gelaufen sind, kennt das Gefühl, sich dort aufgrund der hunderten Filme und Serien, die dort gedreht worden sind, irgendwie zu Hause zu fühlen. In Tokio ist das ähnlich: Aus dem Flugzeug sieht man direkt den Fujiyama, den ich schon als Kind im Intro von "Mila Superstar" kennengelernt hatte (Vorsicht, nicht an den Titelsong denken, Ohrwurm! Zu spät).

Auch am Boden scheint es oft so, als wäre die Zeit hier ungefähr Mitte der Neunziger eingefroren: Es wimmelt es von Plattenläden und Second-Hand-Shops mit alten College-Pullovern. Die Anime-Filme sind noch handgezeichnet, jede Tätigkeit von Cocktails-Mixen bis zur Lampengestaltung sind auf minimalistische Art durchperfektioniert. Und überall begegnen einem Helden der Kindheit, von Super Mario bis Sailor Moon. Kurz: Ich kann mir kaum einen Ort vorstellen, der so sehr die Sehnsüchte von Millenials bedient.

Eine Sache, die mich hier sehr stark anzieht, sind japanische Elektronik-Geräte. Ich bin hier gestern durch eine Ecke im Stadtteil Shinjuku gelaufen, die als „Camera Town“ bekannt ist. Dort gibt es einen Haufen Läden, die sich auf alte Kameras spezialisiert haben – und zwar nicht allein riesige Spiegelreflexgeräte, sondern sehr oft auch Digitalkameras aus den Nullerjahren. Vielleicht habt ihr auch noch so eine in irgendeiner Schublade im alten Kinderzimmer: Sie tragen heutzutage niedlich anmutende Namen wie Nikon Coolpix, Canon Powershot, Panasonic Lumix oder Sony Cyber-Shot. Alle kommen aus Japan.

Ich habe mir im vergangenen Jahr eine solche Kamera für 30 Euro über eine Kleinanzeige geschossen und bin ziemlich begeistert: Im Gegensatz zu den Bildern von meinem Smartphone haben die Gesichter auf meinen Fotos wieder Schatten. Durch die alten CCD-Chips, die sich noch eher an der analogen Vergangenheit orientieren als an durchgefilterter Kälte, wirken die Farben auf eine schöne Art daneben. Und allein der Akt des Kamera-Rausholens und -Einstellens sorgt dafür, dass ich Dinge nicht einfach wegfotografiere, sondern mir kurz Gedanken machen muss, ob Belichtung und Isowert zur Situation passen. Das Coverfoto dieses Newsletters (siehe oben) stammt übrigens von dieser Kamera.

Mit meiner Digicam-Begeisterung bin ich natürlich nicht allein, die Geräte begegnen uns derzeit wieder überall. Wer sich die Insta-Profile von Musikerinnen wie Charlie XCX anschaut, findet dort oft die alte Y2K-Optik wieder: Direkt ins Gesicht geblitzt, die Farben im Hintergrund leicht verschwommen, fast wie auf der Partyfoto-Plattform Nachtagenten im Jahr 2005. In "Camera Town" sind die Preise entsprechend ziemlich durch die Decke gegangen, mit mir wuselten ein Haufen westlicher Touristen durch die Lädchen, alle auf der Suche nach einem vermeintlichen Souvenir-Schnäppchen aus dem Heimatland der Digicams. Eine kleine Panasonic Lumix, wie ich sie mir in Deutschland gebraucht gekauft habe, kostet hier mittlerweile locker über 100 Euro.

Ich glaube, dass dieser Hype für mehr steht als nur Ästhetik. In vielen Bereichen fällt mir derzeit auf, dass es eine Rückkehr zu sogenannten One-Purpose-Devices gibt. Wie der Name schon sagt, können diese Geräte im Gegensatz zu Smartphones eine Sache gut, nicht alle ein bisschen. Das Gadget ist zurück! Erst vor kurzem ploppten Videos auf, in denen Gen-Z-Menschen MP3-Player als Mittel gegen die "Overstimulation" von Smartphones empfahlen. Kopfhörer mit Kabeln gelten als pseudo-intellektuelles Accessoire der "performative males". Und viele reaktivieren alte Handys, die neuerdings "Dumbphones" heißen, oder kaufen sich überteuerte neue Geräte, die funktionsmäßig bewusst reduziert gehalten sind.

Die Idee hinter dem Gadget-Revival passt gut zu den Gedanken, die ich in der vorausgegangenen Newsletter-Ausgabe formuliert habe. Das Internet und den Strom abschalten wollen die wenigsten. Aber Smartphones und ihre früher gefeierte Eigenschaft, alle Geräte in einem zu vereinen, sind für manche zur Belastung geworden. Man sehnt sich zurück nach Geräten, die eine Sache beherrschen und einen ansonsten in Ruhe lassen. Technologie, die einen nicht aufsaugt, sowohl aufmerksamkeits- als auch datentechnisch. Die man eher mit Spaß verbindet und nicht mit einer ständigen Doomscrolling-Verlockung, der man sich eigentlich lieber entziehen will.

Vielleicht könnte darin eine Art Verbrüderung der oft als eher peinlich betrachteten Millenials mit der Generation Z stattfinden? Auf mich wirkt es so, als würde hier die Nostalgie der einen mit dem Trend-Zyklus der anderen zusammenfallen. Was die Gen Z als Distinktions-Accessoire durch die Gegend trägt, haben die Millenials noch haufenweise in ihren Rumpelkisten herumliegen. Schaut doch mal in Eurer nach!

Davor aber noch kurz die Empfehlungen der Woche:

Ich sehe derzeit regelmäßig Influencer, die dazu raten, seine Gedanken von ChatGPT ordnen zu lassen und sich vermeintliche Beratung zu holen. Mein Kollege Max Sippenauer hat sich mit dieser Chatbot-Pseudotherapie beschäftigt, die sehr schnell in absoluten Horror abgleiten kann – und letztlich zu einer Gesellschaft führt, die zur "technisch induzierten Infantilisierung" neigt, wie es ein Experte im Beitrag nennt.

Von Filmen, auch von sehr guten, ist mir Jahre später oft nur noch ein Gefühl im Kopf. Ich bin da einfach sehr vergesslich. Im Fall des polnischen Oscar-Gewinners "Ida" von 2013 ist es ein Gefühl von schwarz-weißer Beklemmung, irgendwo zwischen Stalinismus, Kirche und Judentum. Noch fünf Tage lang könnt Ihr ihn in der ARD-Mediathek sehen

Und zuletzt noch ein Weihnachts-Song: "Weiss" von Edgar Wasser. Viele künstlerische Kommentare zur sogenannten Stadtbild-Debatte fand ich eher misslungen, oft klangen diese nach der eingeübten Diskussionsspirale unserer Zeit. Edgar Wasser spießt das Ganze im Weihnachtskontext anders auf, wenn er in Form eines Rassisten-Alter-Egos etwa über Zeiten rappt, in denen man als Kind noch sicher Schlitten fahren konnte. Oder mit folgender Zeile: "Laufe durch die Stadt mit meinem magischen Röntgenblick: Der gehört hierher – und der gehört zurückgeschickt."

In der kommenden Woche übernimmt Miriam Fendt den Letter, insofern:

Bis übernächste Woche!

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