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diese Ausgabe wäre eigentlich prädestiniert für einen Jahresrückblick. Ich bin aber ein Freund der "Hot-Takes", also der gewagten Thesen. Rückblicke finde ich daher etwas fad, irgendwie weiß ja jeder schon, was passiert ist. Wo bleibt da das Risiko, dass ich falsch liege? Daher will ich in dieser Ausgabe lieber nach vorne orakeln und ein paar Thesen zum kommenden Jahr aufstellen. Blicken wir also mal gemeinsam in drei Takes in die Kultur-2026-Glaskugel!
Schauen wir zunächst auf die Pop-Landschaft. Dazu fällt mir ein Podcast-Interview mit dem von mir verehrten Musiker James Holden ein. Holden formulierte darin einen Gedanken, der mir seitdem nicht aus dem Kopf geht. Den ganz genauen Wortlaut weiß ich nicht mehr, aber er sagte in etwa: Was, wenn aufgenommene Musik nur ein vorübergehendes Phänomen ist? Könnte es sein, dass wir jetzt ungefähr anderthalb Jahrhunderte lang Musik aufgenommen und verkauft haben – und das nun wieder zu einem Ende kommt?
Ich fand das insofern interessant, weil aufgenommene Musik in den vergangenen Jahren rapide an Wert verloren hat. Um es mal sehr dystopisch zu beschreiben: Geld gibt kaum jemand für sie aus. Anstatt weiterhin erfolglos Spotify anzubetteln, sein Erlösmodell zu verbessern, keine KI-generierte Musik hochzuladen und kleine Künstler zu fördern, finde ich den Gedanken ganz charmant, einfach zu sagen: Egal, wir machen jetzt was anderes.
Dieser Ausweg könnte sein, dass Livemusik künftig viel wichtiger wird. Klar, diese Tendenz ist schon längst da, aber ich glaube, dass auch das Live-Konzert selbst noch "liveiger" werden könnte: mehr Improvisation, weniger Setlists, weniger Konzept. Also Veranstaltungen, die nicht die Perfektion, sondern die Einzigartigkeit des Moments als zentralen Wert haben. Das ließe sich auch auf Clubs erweitern. Nur Musik von anderen ineinander zu mischen, ist vielen DJs zu langweilig geworden. Ich sehe wieder öfter Menschen, die die Clubs lieber per Live-Set mit allerlei Synthesizern, Drumpads und sonstigem Spielzeug bespielen. Das ist herausfordernd, nie fehlerfrei, aber durch diese Unvorhersehbarkeit oft spannender als ein DJ-Set mit fertigen Tracks. Zugegeben, ich bin mit meiner Prognose vielleicht etwas biased, ich mag improvisierte Musik. Insofern lautet mein Wunschtraum: 2026 wird es sehr viel mehr richtige Live-Live-Ereignisse geben.
Wovon ich gerne weniger hätte, und hier kommen wir zur zweiten These, ist der Hype um KI. Auch hierzulande setzt mittlerweile eine leichte Ernüchterung ein, momentan erscheinen gefühlt jede Woche neue Artikel dazu, ob die Investitionen in Künstliche Intelligenz in ihrer derzeitigen Form nicht doch eine Blase sind, die jeden Moment platzen könnte. Ich glaube zwar nicht, dass KI von einem Moment auf den nächsten verschwinden wird. Ich glaube auch nicht, dass wir jemals wieder zu dem Zustand vor ChatGPT zurückkehren und die tausenden Datencenter plötzlich wieder abgerissen werden.
2026 könnte aber ein Kipppunkt-Jahr werden, in dem wir zur Einsicht kommen, dass die allzu breite Anwendung von KI in allen Lebensbereichen oft schlicht nicht das liefert, was sie versprochen hat. Auch in der Kultur: Ignoriert man die Energieverschwendung, den digitalen Kolonialismus, die Urheberrechtsverletzungen oder die Instrumentalisierung durch Überwachungs-Autokratien in aller Welt, mag KI für Künstler aller Art manchmal ein nettes Werkzeug sein. Es horcht aber schon jetzt kaum noch jemand auf, wenn jemand stolz verkündet, dass sein neuestes Werk mit Hilfe von KI entstanden ist. Um es mal auf einen Hot-Take einzudampfen: Ich wette, dass auch 2026 kein relevantes, bahnbrechendes Kunstwerk, Buch oder Album erscheinen wird, das zu großen Teilen von KI hergestellt wurde.
Mein letzter Take ist folgender: 2026 steht uns eine Debatte über die "Post-Lese-Gesellschaft" bevor. In US-Medien habe ich in diesem Jahr schon überall Stücke zur "Post-Literate-Society" gesehen. Beschrieben wird darin eine Gesellschaft, in der Menschen nicht etwa nur keine Bücher mehr lesen, sondern schlicht gar keine Texte mehr, zum Beispiel hier, hier und hier. Mit der gewohnten Zeitverzögerung werden solche Thesenstücke und Diskussionen auch bei uns aufploppen. Die Frage ist nur, welche Richtung die Debatte hierzulande einschlägt: Wird es ein nuancierter Diskurs über die Vor- und Nachteile bestimmter Kulturtechniken, also über den technologischen Wandel hin zu mehr Audio- und Videoinhalten, die Wissen auf andere (nicht nur schlechte) Art vermitteln als der gute alte Text? Darüber, ob ein vierstündiger Podcast oder ein einstündiges Essay-Video nicht eine ähnliche Tiefe erreichen kann wie Buchstaben? Oder wird es ein gnadenloses Eindreschen auf junge Menschen geben, die ja immer dümmer werden und nicht mehr imstande sind, sich auch nur eine Sekunde zu konzentrieren (während wir unsere Schulen natürlich weiter vor sich hin verfallen lassen)? Ich fürchte leider Letzteres.
Ihr scheint offenbar noch nicht post-literate zu sein, schließlich habt ihr bis hierhin mitgelesen. Ob meine Vorhersagen halbwegs eingetroffen sind, werde ich dann im Dezember 2026 aufschlüsseln. Ich hoffe, es wird nicht peinlich.
Nun aber noch ein bisschen Film-Füllmaterial für die Raunächte:
Selten habe ich einen Film so euphorisch empfohlen bekommen wie "Everything everywhere all at once". Eine lebensverändernde Erfahrung sei der, anders als jeder Film zuvor. Als ich ihn dann angeschaut habe, war ich ein kleines bisschen underwhelmed, mein Leben veränderte sich nur geringfügig. An derartigen Vorschusslorbeeren kann ein Film aber auch nur scheitern. Nichtsdestoweniger ist er wirklich ein brutal innovativer Streifen, der jeden Preis dieser Welt verdient hat. Trotz seiner Durchgeknalltheit ist "Everything everywhere all at once" auch ein guter Zwischen-den-Jahren-Familien-Film (sofern alle über 16 sind), da er viel über zwischenmenschlichen Zusammenhalt erzählt.
Etwas kinderfreundlicher ist der Chaplin-Klassiker "Der Goldrausch" von 1942. Chaplin zieht darin auf der Suche nach Reichtum und der Liebe durchs verschneite Alaska. Wenn er dabei aus Not seinen eigenen Schuh verspeist, ist das aus heutiger Sicht vielleicht nicht mehr ein Gag, der einen vor Lachen auf den Boden wirft. Wenn aber ein paar Kinder mitschauen, die sich bei solchen Szenen tatsächlich kaum halten können, funktioniert es aber dann doch wieder.
Noch ein generationenübergreifender Tipp ist die BR-Serie "Die Bergretter – Einsatz in höchster Not". Ich erinnere mich an ein Mittagessen im Sommer, als ein Literaturkritiker-Kollege sie in einem etwa zehnminütigen Monolog als ähnlich lebensverändernd beschrieb wie "Everything everywhere all at once". Obwohl ich alles andere als ein Bergsteiger bin, hat mich die Serie gekriegt: Aufmachungstechnisch wurde hier das Pathos-Level durch die Decke gedrückt, bei jedem Hubschrauberflug tönt das Soundtrack-Symphonieorchester durch die Schluchten, als würde gerade über das Schicksal der Menschheit entschieden. Den Kontrast zu dieser fast schon witzigen Über-Inszenierung bilden die Retter selbst. Die sind nämlich sehr auf dem Boden geblieben. Mit jedem von ihnen würde man gerne mal einen Berg besteigen, irgendeinen verirrten Turnschuh-Großstädter retten und dann beim Feierabendbier zu ihm sagen "Prost, dass du lebst!".
Den Spruch kann man sich auch gleich für den Silvesterabend merken. Bis nächste Woche im neuen Jahr!
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