Wird der Newsletter nicht richtig dargestellt? Hier geht es zur barrierefreieren Online-Version
BR Logo und Schriftzug Soft Power
Generisches Café in Lissabon | Bild: BR/privat

HALLO ZUSAMMEN,

weil viele von euch wahrscheinlich auch seit dieser Woche wieder am Schreibtisch sitzen: Ich hoffe, ihr seid gut im Alltag des neuen Jahres angekommen! 

Anders als mein Kollege Quentin Lichtblau, der die Feiertage dafür genutzt hat, überdurchschnittlich viel fernzusehen, um uns die Augen für einen “KI-Look” in Serien und Filmen zu öffnen (ich liebe diesen Take und habe gleichzeitig Gänsehaut!), hat es mich raus in die Stadt gezogen. Ich bin zum Beispiel viel durchs Münchner Westend spaziert. Denn Zeit zum Flanieren gibt es in meinem Berufsalltag leider viel weniger, als ich es mir in meiner romantisierten Vorstellung vom Leben als Kulturjournalistin wünschen würde, haha. 

Beim Lustwandeln durch die Hood fiel meine Aufmerksamkeit intuitiv auf ganz bestimmte Orte. Orte, die mir aufgrund von Einrichtung und Angebot bekannt vorkamen, obwohl ich sie noch nie zuvor besucht hatte. Ich sah sowas wie Specialty Coffee, der von schlicht-eleganten Holztischen getrunken wurde, neapolitanische Pizza in Kartons mit cleanem Grafikdesign, Waffeln, die durch ästhetisch drapierten Dill zu Food-Kunstwerken wurden, Naturweinangebote in neonpinker Zeitgeist-Schrift sowie viele Betonböden und -wände. Alles hipp, stylisch, funktionell, clean, ein bisschen artsy und genau so schon tausendmal gesehen.  

Wenn nicht in einem der gentrifizierten Münchener Stadtteile, dann in New York, Lissabon, Budapest oder halt beim Scrollen durch Instagram und TikTok. Ich lehne mich, glaube ich, nicht allzu weit aus dem Fenster, wenn ich folgere, dass Social Media-Plattformen und deren Algorithmen zum Großteil für diese Uniformität verantwortlich sind. Der New Yorker Journalist Kyle Chayka hat 2024 sogar ein ganzes Buch mit dem Titel “Filterworld. How Algorithms Make Everything the Same” geschrieben. In diesem sehr hörenswerten Gespräch mit Kais Harrabi erklärt er, dass unsere reale Welt schon längst stark von den Erfahrungen beeinflusst ist, die wir im Digitalen machen. Viele von uns entscheiden darüber, welche Orte sie in ihrer Freizeit oder auf Reisen besuchen, basierend auf dem, was sie auf Social Media sehen. 

Und das beeinflusst ein Algorithmus, der uns in der Theorie zeigt, was uns gefällt, um uns möglichst lange auf der Plattform zu halten (und uns möglichst viele Werbeanzeigen auszuspielen). Das Paradoxe dabei ist, dass es ja im ersten Moment bedeuten könnte, uns würden durch Empfehlungsalgorithmen viele individuelle Vorschläge gemacht, die unseren Geschmack widerspiegeln müssten - tatsächlich lässt sich aber eher das Gegenteil beobachten. 

Persönlicher Geschmack und Einzigartigkeit weichen einer “sinnlosen Universalität”, wie Kyle Chayka es im Interview nennt. Alles sieht immer gleicher aus! Wir werden in unseren Geschmacksentscheidungen immer passiver, sind vielfach beeinflusst von viralen Trends. Popstar Harry Styles wurde im Sommer in einem Berliner Café gesichtet. Tja, ratet mal, was jetzt auf der To-do-Liste von Berlin-Besuchenden aus der ganzen Welt steht.

Und dieses Verhalten wirkt sich natürlich auch darauf aus, wie unsere Städte aussehen, was verkauft wird und wie sich Cafés, Restaurants und Läden auf Social Media präsentieren. Natürlich will man mit der Ästhetik verknüpft werden, die gerade trendet. 

Und als ich so durch die Straßen laufe und über all das nachdenke, muss ich auch bei mir selbst feststellen, wie stark meine Wahrnehmung durch diesen Social-Media-Filter gefärbt ist. Glaubt mir, ich habe schon genug Insta-ästhetische Dinge geliked, konsumiert oder selbst geteilt. “They know it means nothing, yet they do it anyway” – auch wenn es keinen Sinn hat, machen sie es trotzdem, sagt Philosoph Slavoj Žižek.

Aber warum? Irgendwie geht es ja schon um was Kollektives, um Zugehörigkeit und Partizipation. Ich erkenne Codes und treffe an solchen mustergültigen Orten auf Leute, die vielleicht so sind wie ich oder mindestens einen ähnlichen Geschmack haben wie ich. Wenn ich dann selbst auch Bilder und Videos von diesen hippen Szenerien poste, dann zeige ich, dass ich Teil vom Club bin. Ich will ein schönes, geschmackvolles Leben führen, will das potenziell auch zeigen und das geht ja auch in Ordnung. 

Wie wir unsere Welt wahrnehmen, verändert sich auch stetig dadurch, was wir sehen und welche Medien wir nutzen. Trotzdem sollten wir unsere Entscheidungen nicht ganz aus der Hand geben, sie nicht zu sehr von digitalen Erfahrungen abhängig machen. Denn es reicht ja schon, einfach mal rauszugehen, rumzuspazieren und mit offenen Augen einen Ort auszuwählen, den man sonst vielleicht nicht besucht hätte. 

Und so schließe ich meinen ersten Newsletter im neuen Jahr tatsächlich mit einer Art Vorsatz. Wie cheesy! 

Deswegen schnell weiter zu meinen persönlichen Empfehlungen, die ich alle nicht auf Social Media vorgeschlagen bekommen habe, versprochen: 

Zum Thema Einfluss der sozialen Medien und Videoplattformen auf unsere Wahrnehmung passt auch das Buch “Digitale Diagnosen – Psychische Gesundheit als Social-Media-Trend" der Soziologin Laura Wieböck, das Anfang 2025 erschienen ist. Ich habe es über die Feiertage gelesen und daraus viele Denkanstöße mitgenommen. Zu empfehlen ist auch das Gespräch, das SWR-Kultur mit der Soziologin geführt hat.

Weil am Valentinstag die Neuverfilmung von “Wuthering Heights” in die Kinos kommt, für den Popstar Charli XCX den Soundtrack geliefert hat, wollte ich mich endlich mal mit dem Brontë-Klassiker auseinandersetzen. Meine Kollegin Barbara Streidl hat mir zum Einstieg “Mithu Sanyal über Emily Brontë empfohlen und lag damit genau richtig. Wer wie ich gerne über den persönlichen Zugang anderer Autor:innen in große Werke einsteigt, wird hiermit viel Spaß haben.

Seit zwei Jahren habe ich ein Kinoabo und ich kann mir mein Leben ohne nicht mehr vorstellen. Damit es sich auch wirklich lohnt, schau ich mir so ziemlich alles an, was läuft und irgendwie interessant klingt. Auch viele Filme, die ich ohne Abo sicher niemals gesehen hätte. Z.B. der dänische Film “Therapie für Wikinger” von Anders Thomas Jensen mit Mads Mikkelsen. Meine Kollegin Bettina Dunkel nannte ihn in ihrer Kritik ein “Highlight des Kinojahres” und da kann ich mich nur anschließen. 

Nächste Woche schreibt dann wieder Quentin Lichtblau für euch! Bis bald!

Mehr Kultur