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Junge auf Leiter vor Wolkenhimmel | Bild: Unsplash

hallo zusammen,

seit zwei Wochen streitet sich das politische Feuilleton, wie es die Entführung des venezolanischen Präsidenten Maduro durch US-Streitkräfte einordnen soll. Von überflüssigen (weil meiner Meinung nach eindeutig zu beantwortenden) Völkerrechtsfragen mal abgesehen, geht es dabei meistens um das Motiv der Trump-Administration.  

Die Befreiung der Venezolaner von einem korrupten Regime war es wohl nicht, schließlich ist die dortige Regierung ja weiterhin intakt, nur eben ohne Maduro. Die Droge Fentanyl, die jährlich zehntausende US-Amerikaner umbringt, kommt so gut wie nie aus Venezuela. Und auch wenn Trump ständig davon redet, die Öl-Vorkommen des Landes wieder unter US-Kontrolle bringen zu wollen: als monokausale Erklärung reicht das irgendwie nicht aus. Schließlich sind die USA bereits der größte Öl-Produzent der Welt, ganz anders als etwa zur Zeit des Irak-Kriegs. Noch mehr Öl aus Venezuela würde die Preise für US-Raffinerien sogar eher drücken, was nicht in deren Interesse liegen dürfte, wie es hier etwa der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze erklärt, der Trumps Verhalten treffend "cosplay imperialism" nennt.

Ich bin nun fertig mit dem geopolitischen Exkurs, versprochen, gleich geht es um Kultur! Mir bleibt von den Bildern der Ereignisse nämlich besonders eines in Erinnerung, Trump postete es selbst auf seinem Truth-Social-Account. Auf die Ikonografie der Fotos aus dem Pseudo-Situation-Room-Zelt sind schon viele Autoren vor mir eingegangen, besonders interessant ist für mich aber der Bildschirm in Hintergrund: Er zeigt ein Browser-Fenster, in dem Elon Musks Plattform X geöffnet ist. Die Suche steht auf "Venezuela", der Bildschirm zeigt also die neuesten X-Posts zum Thema an. Trump sagte hinterher, er habe die Entführung verfolgt "wie eine TV-Sendung". 

Und hier wären wir bei einer Perspektive auf die Ereignisse, die der Grundmotivation eines Donald Trump, glaube ich, sehr nahekommt: Er ist sowohl Produzent als auch second-screenender Zuschauer seiner eigenen Show. Ich glaube, bei vielen Aktionen geht es daher weniger um geopolitische Implikationen oder die Ausbeutung von Ressourcen (um die Venzolaner erst recht nicht), sondern um die öffentliche Wirkung. Das Trump-Team kann es auf den Fotos offensichtlich kaum erwarten, wie die Welt - oder das, was sie dafür halten, nämlich die meist eh schon einigermaßen rechtsdrehenden X-Nutzer - auf ihre Aktionen reagiert. Es geht hier weniger um eine strategisch wichtige Militär-Operation, als um eine "branding opportunity", die Stärkung der eigenen Marke mit einem “quick win”, noch so ein schreckliches Marketingwort.  

Um mal auf den Namen dieses Newsletters Bezug zu nehmen: Die "Hard power" der stärksten Armee der Welt wird nicht für einen tatsächlichen Regimewechsel eingesetzt, sondern lediglich, um die eigene Soft Power zu stärken. Ich will mich hier nicht orakelnderweise zu weit aus dem Fenster lehnen, aber einen längeren Militäreinsatz in Venezuela oder – die nächste Krise ist schon da – in Iran wird es daher wohl nicht geben.  

Man fühlt sich dabei an anarchistische Schriften des 19. Jahrhunderts erinnert: "Wir müssen unsere Prinzipien nicht mit Worten, sondern mit Taten verbreiten, denn dies ist die populärste, stärkste und unwiderstehlichste Form der Propaganda", sagte 1870 der Anarchist Michail Bakunin. Auch der Begründer dieser "Propaganda der Tat", der Italiener Carlo Pisacane, schrieb in seinem Testament, dass Ideen aus Taten entspringen – nicht umgekehrt. Die Taten müssten nur spektakulär genug sein, damit alle davon mitbekämen. Die US-Regierung folgt offenbar einem ähnlichen Prinzip: Entspricht es dem Bild der wiedererstarkten USA, wenn sie wie im 20. Jahrhundert mit Gewalt über südamerikanische Staatschefs entscheidet? Gibt es dafür Applaus auf X? Super, dann lass es uns machen. Begründungen finden sich später. Die Lebensmittelkosten werden dadurch nicht sinken, der Durchschnittamerikaner nicht reicher. Aber immerhin kann er sich als Teil einer großartigen Nation sehen, die mit ihren Aktionen die Welt in Atem hält. 

Ich will uns nicht mit der Trump-Administration gleichsetzen, liebe Leserinnen und Leser. Aber in Trumps Maduro-Aktion spiegelt sich etwas wider, das wir vielleicht auch aus unserem eigenen Social-Media-Verhalten kennen. Die reale Welt wird zu einer Bühne für Content-Erstellung, auf der wir Aktionen aufführen, für die wir uns in der digitalen Welt Aufmerksamkeit und Zustimmung erhoffen, ganz ähnlich, wie es meine Kollegin Miriam in der vergangenen Woche beschrieben hat: Guckt mal, ich war in diesem Café! Ich habe das virale Cookie-Croissant gegessen! Und, hochgerechnet auf das Level eines rechten US-Präsidenten: Seht her, ich habe den Südamerika-Kommunisten entführt. Ob Venezuela demokratischer wird oder das Öl tatsächlich irgendwann in die USA sprudelt – egal.  

In Anlehnung an Adam Tooze würde ich Trumps außenpolitische Manöver daher “Content-Imperialismus” nennen. Wir sehen in ihm eine Sprunghaftigkeit, die uns auch in vielen Bereichen der Kultur begegnet. Aus Jugendkulturen werden Micro-Trends oder "aesthetics". Man kann ein paar Tage als Goth herumlaufen, eine Woche später als Indiesleaze-Wiedergeburt. Auch im Pop kommt das Feuilleton vor lauter kurzlebigen Nischen-Genres abseits der großen Stadionstars kaum noch hinterher, wenn es darum gehen soll, was diese jungen Leute denn gerade so hören.

Trump, das muss man ihm lassen, hat sich diese Geschwindigkeit angeeignet, anstatt ihr mit Kulturpessimismus oder Ignoranz zu begegnen. Die Überforderung ist Teil der Strategie. Ganz nebenbei stellt die Geschwindigkeit seiner Aktionen die Demokratie und ihre Aushandlungsprozesse infrage, die selbst von bürgerlichen Kommentatoren immer öfter als zu langsam oder "nicht mehr zeitgemäß" beurteilt werden. 

Diese Argumentation lehne ich natürlich ab. Dennoch glaube ich, dass das demokratische Lager in den vergangenen Jahren einen Fehler gemacht hat: Politisches Handeln wurde lange als Machtmanagement hinter den Kulissen verstanden, wenn wir uns etwa an Merkel, Scholz oder eben den kaum öffentlich auftretenden Joe Biden erinnern. Die Politik sollte die Bürger nicht weiter stören. Falls es doch mal Kritik gab, hieß es hinterher oft, man hätte dem ungebildeten Normalbürger das politische Handeln, die Gesetzgebungsprozesse, die Bürokratie, "besser erklären müssen". Bei Trump hingegen ist es eher die vermeintliche Elite, die nach Erklärungen fragt: Völkerrechtler, Journalistinnen, der Kongress, die demokratischen Institutionen. Seinen Anhängern erklärt sich Trump hingegen gefühlt alle fünf Sekunden, 24 Stunden am Tag. 

Kommen wir zu den Empfehlungen dieser Woche. Sie beginnen mit einem Ärgernis, zumindest für mein Ego: Nachdem ich meinen Text fertiggeschrieben hatte, bin ich auf dieses Gespräch zwischen Masha Gessen und dem New-York-Times-Journalisten Ezra Klein gestoßen. Darin wird gleich zu Beginn tatsächlich auch auf die "Propaganda der Tat" in Bezug auf Maduro eingegangen. Was mich mal wieder daran erinnert, dass meine Thesen nicht ganz so einzigartig sind, wie ich das gerne hätte. Egal, das Gespräch ist trotzdem sehr spannend, vor allem wegen Gessen und den Parallelen, die darin zwischen der Sowjetunion, dem frühen Putin und heute gezogen werden.  

Wenn wir schon bei internationalen Ereignissen sind, müssen wir in dieser Woche natürlich auch in den Iran und auf die dortigen Proteste blicken. Eine Dokumentation des persischen BBC-Ablegers über die Schauspielerin Taraneh Alidoosti ist dort seit der Veröffentlichung Ende Dezember millionenfach gestreamt worden. Alidoosti hatte bereits 2022 an den "Jin, Jiyan, Azadi"-Protesten teilgenommen, litt nach einer Inhaftierung lange an einer Autoimmun-Krankheit und meldet sich mit der Dokumentation nun zurück. Schauspielern will sie erst wieder, wenn das ohne Kopftuch möglich ist. Auf Youtube kann man den Film mit englischen Untertiteln sehen.

Und zum Schluss noch ein fantastischer Serien-Klassiker, über den ich ganze Bücher schreiben könnte. Zu "Twin Peaks" von David Lynch spare ich mir aber an dieser Stelle die Einordnung, um nichts zu spoilern. Einfach (nochmal) anschauen, vielleicht nicht unbedingt allein und bei Dunkelheit. Und unbedingt vor Bob in Acht nehmen. Gibt es gerade in der arte-Mediathek.

 

Bis nächste Woche!

 

 

 

 

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