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ich habe die letzte halbe Stunde damit verbracht, eine Simpsons-Szene zu suchen, die es offenbar nicht gibt. In der Szene sagt jemand, in meiner Erinnerung ist es ein Marketingmensch der Biermarke „Duff“, dass Bier und Alkohol für Kinder selbstverständlich gefährliche Drogen seien. Das ändere sich aber schlagartig, sobald diese Kinder mit 21 legal Alkohol trinken dürften – dann sei Bier gesund und erfrischend. Eigentlich wollte ich mit dieser Szene in den heutigen Newsletter einsteigen, aber entweder sind mein Gehirn oder Google (oder beides?) zu kaputt, um die Quelle zu finden. Hinweise bitte an mich!
Ob es die Szene nun wirklich gibt oder nicht, an genau den beschriebenen Widerspruch muss ich denken, wenn hierzulande über ein Social-Media-Verbot für Menschen unter 16 Jahren nachgedacht wird. Etwa, wenn die Familienministerin Karin Prien soziale Medien mit Alkohol vergleicht und sagt: „Wir würden ja auch bei einem Neunjährigen nicht sagen, er muss sich daran gewöhnen, mehr Schnaps zu trinken, weil das zum sozialen Leben dazugehört“.
Ich bin wahrlich kein Freund der Tech-Konzerne und ihres Einflusses auf unsere Gesellschaft. Und klar: Ein junges Gehirn ist unter Umständen noch etwas gefährdeter gegenüber den Falltüren der sozialen Medien. Trotzdem finde ich, dass mit derlei Verboten spätestens bei der Umsetzung das Kind mit dem Smartphone, äh, Bade ausgeschüttet würde. Die Konzerne würden zur vermeintlichen Altersverifikation noch mehr Gesichter scannen, Ausweise auswerten und Daten sammeln, als sie es eh schon tun. Würde in Zukunft jemand eine Social-Media-Plattform entwickeln, die sich nicht an unseren Daten vergreift, würde diese bald verboten, eben weil sie nicht garantieren könnte, dass Minderjährige sie nutzen.
Ich bin nicht der Erste, der diese Problematik beschreibt. Es gibt noch viele andere Gründe, die gegen ein Verbot nach dem Vorbild Australiens sprechen. Die Autorin Aya Jaff hat etwa hier einige von ihnen in ihrer lesenswerten Kolumne im Surplus-Magazin zusammengetragen, etwa die hohen Kosten der Alters-Prüfung, die nur die großen Player stemmen könnten.
Mein Punkt für den heutigen Newsletter ist aber ein anderer: Ich sehe nämlich bei den Freunden der Social-Media-Verbote noch eine weitere Leerstelle – und zwar nicht im Digitalen, sondern im „echten“ Leben, in der analogen Welt. Den jungen Menschen, die derzeit in sozialen Medien einen durchaus großen Teil ihrer Freizeit verbringen, wird ja oft geraten, das Smartphone wegzulegen. Sie sollen sich im Freien treffen, Kulturangebote nutzen, Bücher lesen, Sport treiben. Und ich frage mich: Wo denn genau?
Wäre ich ein Kleinstadt-Jugendlicher im Jahr 2026, wäre ich umgeben vom Abbau all jener Dinge, die von der „Früher haben wir noch draußen gespielt“-Fraktion vorgebracht werden. Dank allumfassender Sparmaßnahmen, die seltsamerweise gern mit dem Argument der Generationengerechtigkeit begründet werden, sind die Schwimmbäder marode, mehr als jeder sechste Sportverein sieht sich in seiner Existenz bedroht, bundesweit musste in den vergangenen Jahren jede achte Bibliothek schließen. Und der Kulturpass, einst eingeführt, um junge Menschen den Zugang zu Kultur zu ermöglichen, wird auch nicht fortgesetzt.
Unterdessen wird jedes neue Datencenter-Projekt und jeder US-Tech-Riese, der in Deutschland investiert, bejubelt und unterstützt. Von der Politik werden solche Investitionen dann paradoxerweise als Schritt zu mehr „digitaler Souveränität“ verkauft, selbst wenn die CEOs der beteiligten Firmen sich Seite an Seite mit der immer offener demokratiefeindlichen Trump-Regierung zeigen und eine US-Firma wie Nvidia den für die Datencenter nötigen Nachschub an Mikrochips jederzeit einstellen könnte.
Wer sich um die psychische Gesundheit und politische Orientierung der Jugend sorgt, sollte Alternativen schaffen, anstatt den Zugang zu sperren. Wenn Einrichtungen verschwinden, in denen Menschen Gemeinschaft lernen, Kultur erleben und Anerkennung finden können, muss sich niemand wundern, wenn die sich ihre Unterhaltung und Bestätigung im digitalen Raum suchen, wo sie dann eben auf all den Plattformen landen, die von Zuspitzung und Aufregung leben. Das gilt natürlich für Menschen jeden Alters, die ältere Generation ist im Umgang mit Inhalten im Netz sogar leichtgläubiger als ihre digital versierteren Enkel.
Selbst im digitalen Raum ließen sich anstatt pauschaler Verbote soziale Medien erschaffen, die ihren Namen tatsächlich verdient haben. Die einen besseren Austausch ermöglichen, als die derzeitigen Plattformen mit ihrem Datenhunger, ihren Fakes und Bots. Falls hier zufällig ein Intendant mitliest: Hier könnte der öffentlich-rechtliche Rundfunk doch mal eine ganz neue, zeitgemäße Aufgabe wahrnehmen, oder nicht?
Kommen wir zu weiteren Empfehlungen für Jung und Alt: Mein Zündfunk-Kollege Dominik Kalus hat sich der Klassenfrage in Zusammenhang mit der Ausbreitung von sogenanntem KI-Slop gewidmet: Während der breiten Masse suggeriert wird, dass künftig kein Weg an den oft minderwertigen KI-Inhalten vorbeiführt, leider auch an Schulen, sondert sich eine reiche Minderheit zunehmend ab. „Die Leute im Silicon Valley stecken ihre eigenen Kinder in Tablet-freie Schulen, in denen sie kreatives Schreiben lernen“, sagt etwa die Expertin Catharina Doria im Beitrag. Die Folge könnte sein, dass KI-freie Bildung oder Kultur künftig zu Luxusgütern werden.
Apropos Schulen: Meine nächste Empfehlung ist die Dokumentation „Ein Nobody gegen Putin“, derzeit zu sehen in der ZDF-Mediathek. Gedreht hat sie der Lehrer Pawel Talankin aus dem russischen Ural-Städtchen Karabasch. Er ist für die Veranstaltungen an seiner Schule und deren mediale Dokumentation zuständig. Sein Berufsalltag ändert sich mit dem 24. Februar 2022, dem Beginn der Vollinvasion in der Ukraine. Mit seinem Filmmaterial lässt sich so nachvollziehen, wie die Militarisierung einer Gesellschaft aussieht: nämlich lächerlich und aus der Zeit gefallen, wäre nicht alles gleichzeitig so schrecklich und Teil unserer Gegenwart. Statt Musikvideos muss Talankin nun Marschierübungen und pedantisch vorgegebene Unterrichtsstunden zur Patriotismus-Ausbildung der Kinder filmen – bis er darauf schließlich keine Lust mehr hat.
Nachdem ich mit Nonnen-Synthpop aus den Siebzigern in der vergangenen Woche wohl das letzte Level der Pop-Distinktion erreicht habe, ist mein Musiktipp diese Woche mal schön Mainstream: „Aperture“, die neue Single von Harry Styles. Den fand ich bisher musikalisch zwar immer ambitioniert, berührt haben mich die Songs aber nie so richtig. „Aperture“ klingt nun ein bisschen wie die New Yorker Disco-Elektroniker von LCD Soundsystem im Jahr 2008 und besingt vergessene Gemeinschaftsgefühle auf der Tanzfläche. Das holt mich als alten Millennial ab, auch das zugehörige Video über die paranoiden Seiten des Hotel-Lebens. Inspiriert ist der Song angeblich von Harry Styles’ Berliner Berghain-Besuchen. Und vielleicht ist mit der besungenen „Aperture“ („Aperture lets the light in“) auch gar nicht die Blende einer Kamera, sondern die Jalousie der dortigen Panorama Bar gemeint, die sich am Morgen für ein paar Sekunden öffnet?
Bis nächste Woche!
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