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Ein gutes altes Handy | Foto: Quentin Lichtblau Collage: BR

Hallo zusammen,

seit ein paar Tagen schwirrt in meinem Kopf die Idee herum, mir einen Handyknochen zu holen. Also wirklich ein Handy, kein Smartphone. Ihr ahnt es: Ich will meine Bildschirmzeit reduzieren, Google und Mark Zuckerberg keine Daten mehr zur Verfügung stellen und im sogenannten Moment leben. Meine Abende verbringe ich seither auf Kleinanzeigen-Plattformen, auf der Suche nach einem Deal. Böse Zungen in meinem Umfeld behaupten, es ginge mir dabei mehr um den Schnäppchen-Thrill als um Datensicherheit. Und dass ich nur ein neues Objekt der Begierde brauche, nachdem ich wochenlang alten Digitalkameras hinterhergejagt bin.  

Das stimmt natürlich überhaupt nicht. Eine gewisse Hemmung habe ich allerdings noch, tatsächlich den "Kaufen"-Button zu drücken. Gar nicht mal, weil ich Angst vor einem neuen Leben ohne Smartphone habe. Mein Ausstieg wird, wenn überhaupt, schrittweise verlaufen. Es ist eher ein Gefühl, das mich überkommt, wenn ich etwa in der Trambahn ein Buch aufschlage. Man könnte es "Performativitäts-Angst" nennen. Oder das "So einer bist du also"-Syndrom. 

Vielleicht muss ich das genauer erklären: Ich kann mich noch erinnern, wie ich irgendwann in den frühen Zehnerjahren auf das Fotoprojekt "Exactitudes" des Fotografen Ari Versluis und der Stylistin Ellie Uyttenbroek gestoßen bin. Die beiden katalogisieren seit mehr als 30 Jahren stilmäßig ähnliche Menschen. Da wären aktuell zum Beispiel eine Serie schwarz gekleideter "Sad Ambient Boys" mit Mittelscheitel, eine mit "Fit Girls" mit strengem Dutt und Gym-Outfits. Oder eine Gruppe junger Architekten, alle mit ähnlichen französischen Vintage-Arbeiterjacken. Kurz: Sehr oft sind es Menschen, die sich wohl als sehr individualistisch wahrnehmen, aber eben fast gleich aussehen. 

Man könnte "Exactitudes" als Stilarchiv verstehen oder als Inspiration für den eigenen Kleiderschrank. Für mein jüngeres, unsichereres Ich, aufgewachsen in einer "Individualität ist alles"-Ära, stellte es eine Kränkung dar. War ich etwa nicht so einzigartig wie gedacht? Oder falls doch, wie sollte ich das zum Ausdruck bringen? Wenn ich am Ende dennoch Gefahr laufe, als einer von zehn gleich aussehenden Menschen in einer "Exactitudes"-Galerie zu landen? 

Die Katalogisierung von Stilen oder Personen-Typen taugt mittlerweile nicht mehr für ein virales Fotografie-Projekt, dafür ist sie ein viel zu alltäglicher Bestandteil unserer Unterhaltungen. Tragen mehr als zehn Menschen ähnliche Klamotten, werden diese direkt zur "aesthetic" erklärt. Dabei fallen dann etwa Sätze wie "der Typ gibt mir Patagonia-Cryptobro-Vibes". Die Katalogisierung geht dabei über Mode hinaus, es gibt Parodien und Gags zu jedem erdenklichen Menschenschlag. Hier mal beispielhaft ein paar aus meinem Feed gezogene Stichproben: Linke Akademiker, kinderlose Freundinnen oder Bürojob-Normalos, die Haftbefehl hören.  

Ich bin bei dieser Art Humor immer ein ganz bisschen hin- und hergerissen. Einerseits lache ich darüber und mache auch selbst mit, derzeit zum Beispiel angesichts der immergleichen Dinoknochen-Mütze auf den Köpfen von Leuten mit Kreativberuf. Und aus meiner Feuilletonboy-Perspektive (noch so ein Stereotyp) finde ich es natürlich interessant, neue Muster an Menschen zu sammeln. Andererseits führt der "Alle Menschen, die XY tragen/machen, sind so und so"-Humor natürlich dazu, dass ich Männern mit Patagonia-Daunenweste kaum noch unbefangen gegenübertreten kann. Und das macht mich eventuell auch nicht viel besser als Rechte, die hinter jeder "Lastenrad-Mutti" eine Ökodiktatur-Befürworterin sehen.  

Helene Hegemann hat diese Vorurteils-Mechanik einmal anhand von Ernährungs-Klischees wie dem "Hafermilchmann" gut auf den Punkt gebracht: "Ich bin nicht stolz auf diese Unterstellungen. Es sind Zuordnungen, die ich für unterkomplex halte und die nichts mit meinen Erfahrungen zu tun haben, eher mit an Ernährung aufgehängten gesellschaftlichen Diskursen, die sich so tief ins Unterbewusstsein gegraben haben, dass sie den unvoreingenommenen Blick auf meine Mitmenschen komplett verschleiern."  

Natürlich will man auch selbst keinem dieser Klischees entsprechen. Es gibt aber mittlerweile kaum ein Kleidungsstück oder Verhalten, die noch nicht als parodiewürdiger Stereotyp einsortiert wurden. Wer sich also nicht mit absoluter Selbstsicherheit durch den Alltag bewegt, muss immer aufpassen, auf keinen Fall ein - wie auch immer gearteter - "dieser Typ Mensch" zu sein, sondern ganz, ganz anders. Und umgekehrt darf auch nicht der Verdacht entstehen, dass man sich – wie die schon genannten bösen Zungen behaupten: zum Beispiel mit dem Kauf eines alten Handys – absichtlich als Teil einer erlesenen Gruppe verstanden wissen will, wie etwa der öffentlich Bücher lesende "performative male". 

In der Summe führt eine Überdosis "Dieser Typ Mensch"-Humor also möglicherweise nicht zu mehr unkonventionellem Verhalten – sondern zu noch mehr Anpassungsdruck und Langeweile. Maximale Unauffälligkeit bliebe die einzige Möglichkeit, keinem Stereotyp zu entsprechen. Das wäre doch schade. Ich habe das Handy jetzt doch bestellt, außer SMS und Telefonieren geht darauf nichts. Ok, nichts außer das Spiel "Snake". Wer mich künftig Snake zockend in der Trambahn erwischt, darf mich gern an das Buch in meinem Rucksack erinnern. 

 

Bei den Kollegen beim Zündfunk finde ich in letzter Zeit öfter gute Stücke über Strategien der Tech-Emanzipation. Diese Woche etwa eines über das "Sneakernet". Dahinter steckt die Idee, Daten wieder gewissermaßen "händisch" weiterzugeben: per USB-Stick, gebrannter CD, Festplatte, Datenkabel. Man trifft sich an einem physischen Ort und tauscht sich aus, so wie man früher Musik, Fotos oder Informationen weitergegeben hat. Was erstmal anmutet wie ein paar Millennials, die den Wlan-Partys und Mixtapes ihrer Jugend nachtrauern, soll eine durchaus ernste Frage beantworten: Wie können wir unter autoritären Regimen Informationen tauschen, ohne uns zu gefährden?

Mein zweiter Tipp diese Woche ist die Dokumentation "Tech-Bros im Paradies" der Reporter vom Y-Kollektiv. Einer von ihnen besucht darin das Projekt "Próspera", ein libertär-koloniales Projekt in Honduras, das sich als widerständiger Hort der Freiheit versteht. Leider bleibt der Film etwas oberflächlich, was die Sonderwirtschaftszonen-Ideologie hinter den Seasteaders, Cryptofans und ihren Unterstützern von Thiel bis Trump betrifft. Auch ein Hinweis, dass in Honduras seit Ende Januar Nasry Asfura regiert, der Projekte wie "Próspera" dezidiert unterstützt, hätte nicht geschadet. Dennoch ist der Film ein interessanter Einblick in ein Projekt, das sich gerne als Gegenentwurf zum Rechtsstaat inszeniert – und dann doch nicht viel mehr bietet als leere Büros und ein Häufchen Pseudo-Entrepreneurs, die keine Lust auf Demokratie haben. 

Und zu guter Letzt noch eine Liebeserklärung an eine Kategorie, gemacht von den Kollegen von "Pop Secret Stories". Sie erzählen uns die Geschichte der "One-Take"-Filme – natürlich in Form eines One Takes, also ganz ohne Schnitt. Inklusive eines Auftritts von Softpower-Autorin Miriam Fendt und eines Sokurow-Darstellers, der so oft “A movie in one brrreath” sagt, dass ich nun einen Ohrwurm davon habe.  

Bis nächste Woche!

 

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