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in dieser Woche musste ich mich ziemlich ranhalten, um diesen Newsletter fertig zu bekommen. Ich sitze nämlich gerade zwei Wochen lang von morgens bis nachmittags in einem Chinesisch-Intensivkurs, der meine Hirnkapazitäten sprengt. Falls ihr euch im Leben schon mal mit lächerlichen Problemen wie dem spanischen subjuntivo oder englischen irregular verbs rumschlagen musstest: probiert mal chinesische Zähleinheiten!
Schaut man sich Schlagzeilen der vergangenen Wochen an, könnte man denken, ich wäre dem "Chinamaxxing" verfallen. China hat nämlich gerade einen Soft-Power-Moment: Auf Youtube werden chinesische Städte grundsätzlich als "living in 2050" abgefeiert, welche die meisten bis vor kurzem wohl weder kannten, geschweige denn richtig aussprechen konnten. Es gäbe zwar dort zwar keine Meinungsfreiheit und Demokratie, dozieren hunderte China-Influencer, aber dafür Wohlstand und kaum Kriminalität. Als wäre das eine dem anderen hinderlich.
Andere stilisieren warmes Leitungswasser zum chinesischen Lifehack, tragen Labubus an ihren Taschen, feiern das Feuerpferd-Jahr oder essen hand-pulled Nudeln mit Chiliöl der Firma Lao Gan Ma, das man in Großstädten mittlerweile in jedem zweiten Supermarkt kaufen kann. Und selbst im Pop, wo China beim großen Schwenk Richtung Asien bisher Korea und Japan das Feld überlassen hat, strecken sich etwa mit dem Rapper Skai Isyourgod erste chinesische Popacts nach dem internationalen Markt.
Auch abseits der Social-Media-Überspitzung der Influencer und der Charts findet man neuerdings China-Fans quer durchs politische Spektrum: Die FDP oder Markus Söder wünschen sich mehr "China-Speed", also mehr Geschwindigkeit bei der Umsetzung wie auch immer gearteter Vorhaben. Dass dieser Geschwindigkeit viel langfristige staatliche Planung und Investitionen vorausgehen, egal. Westliche China-Inspirierte fordern lieber weniger Regulierung und einen Verzicht auf die ach so schleppenden Prozesse einer Demokratie.
An der Paradoxie, dass etwa Rechtsliberale ausgerechnet in der (zumindest dem Namen nach) kommunistischen Volksrepublik Argumente für weniger staatliche Regulierung finden, lässt sich bereits erkennen, dass die neue China-Liebe gar nicht allzu viel über das Land selbst aussagt. Sondern über die Sehnsüchte, die unterschiedlichste Menschen auf China projizieren. Das Reich der Mitte als Gemischtwarenladen der eigenen Wünsche sozusagen.
Noch eigenartiger ist, dass China bei aller neuen Bewunderung im Westen gleichzeitig weiterhin als Drohkulisse fungiert. Wir sollen, wie China, Großprojekte ohne allzu viel demokratische Interessenabstimmung stemmen, um dadurch wiederum demokratische Werte gegen China zu behaupten. Wir sollen länger und härter arbeiten, so hart und so lange wie Chinesen, die schwache Arbeitnehmerrechte haben und vor Überarbeitung kaum noch Kinder kriegen. "Wenn Sie aus China kommen meine Damen und Herren, dann haben Sie noch mal deutlicher das Gefühl, dass mit Work-Life Balance und Vier-Tage-Woche der Wohlstand in unserem Land auf Dauer nicht zu erhalten ist", sagte etwa Bundeskanzler Merz bei seinem China-Besuch in Peking. Wir sollen China werden, um China die Stirn zu bieten. Irgendwie widersprüchlich.
Würde ich frisch aus China kommen, würde mich als deutscher Bundeskanzler eher ärgern, dass mein Deutschland seine Expertise in puncto Solaranlagen und E-Autos ohne Not China überlassen hat. In beiden Feldern dominiert nun China und "überschwemmt" den Weltmarkt, wie es in westlichen Medien gerne heißt. Ich kam gerade gestern aus meinem Kurs, als mich beim Radfahren fast ein Stehkragen-Typ mit seinem E-SUV der chinesischen Marke BYD überfahren hätte. Selbst Münchner Neureiche haben sich also offenbar vom Vorurteil verabschiedet, dass China nichts kann, außer billige Kopien zu fabrizieren.
Und ich? Lerne ich Chinesisch, um mich möglichst schnell ins 2050-Land abzusetzen? Nicht wirklich. Ich passe nicht so ganz ins China-Hype-Bild. Es ist bereits mein zweiter Sprachkurs, den ersten habe ich 2022 absolviert, um mich auf einen zweimonatigen Auslands-Aufenthalt vorzubereiten. Allerdings nicht in der Volksrepublik China, sondern in Taiwan. Dort gibt es kaum Kriminalität, fantastisches Essen, schnelle Züge – und, jetzt bitte festhalten: Demokratie! Verrückt, oder?
Kommen wir zu den Empfehlungen der Woche. Falls ihr gerade nicht das Geld für eine Reise nach Taiwan habt, kann ich zumindest ein Buch empfehlen. Und zwar ein Kochbuch: "Made in Taiwan" von Clarissa Wei. Ich habe es vor kurzem zumindest ansatzweise geschafft, den Gurkensalat halbwegs so hinzubekommen, wie ich ihn vor Ort gegessen habe. Außerdem lernt man beim Lesen viel über die Schnittmengen von China und Taiwan, nicht nur die kulinarischen. Aber eben auch über das, was Taiwan ohne Zweifel von seinem Nachbarn trennt.
Gerade höre ich beim Vokabeln-Lernen ganz gerne "Gift Songs" von Jefre-Cantu Ledesma. Laut Pitchfork handelt es sich bei dessen Ambient-Klängen um "ECM Style Jazz". Den höre ich nur bedingt raus, für mich haben Tracks wie "The Milky Sea" eher etwas angenehm shoegaziges.
Und noch ein Doku-Tipp: "Inside Second Hand". Ich bin nämlich ein großer Fan von Tracker-Recherchen. Fast immer, wenn eine Gruppe von Journalisten den Weg eines Objekts durch die globalen Lieferketten nachvollzieht, kommt etwas Interessantes dabei heraus. In diesem Fall prüft ein SWR-Team die Versprechen der Second-Hand-Plattform Sellpy und den Weg der Klamotten, die man dort einschicken kann.
Bis nächste Woche!
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