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Junge auf Leiter vor Wolkenhimmel | Bild: Unsplash

Hallo zusammen,

beim Newsletter-Schreiben im spätabendlich-menschenleeren Großraumbüro in München-Freimann schleicht sich schnell mal ein Gefühl von Einsamkeit ein. Gut, vielleicht übertreibe ich, und es handelt sich eher ums Alleinsein. Aber was ist der Unterschied? Die Einsamkeitsforscherin Maike Luhmann definiert Einsamkeit als "eine wahrgenommene Diskrepanz zwischen den gewünschten und den tatsächlichen sozialen Beziehungen". Nächste Woche erscheint ihr erstes Buch mit dem Titel "Einsamkeit - Warum sie uns alle betrifft" und das klingt ja ziemlich eindeutig. Autor Daniel Schreiber nennt Einsamkeit sogar "eine existentielle Grundbedingung des Lebens", mit der jede:r von uns Erfahrungen macht. Und tatsächlich fühlt sich jede dritte Person in Deutschland teilweise einsam. Besonders betroffen sind seit der Pandemie jüngere Menschen. Ältere Menschen galten sowieso schon lange als gefährdet.

Der WDR setzte deshalb letztes Jahr sogar einen ganzen Programmschwerpunkt zu diesem Thema an. Ließ Nina Chuba, Carolin Kebekus und Lukas Podolski – unterlegt von dramatischer Streichermusik – über Einsamkeit aufklären. In einem kurzen Film steht der turbulente 80. Geburtstag des einen Opas dem des einsamen anderen Opa gegenüber, der allein am gedeckten Tisch sitzt. Etwas plakativ. Aber am liebsten wäre ich direkt aufgesprungen, um mit dem einsamen Opi Geburtstag zu feiern und Streuselkuchen zu essen. Vor allem, um ihn davon abzuhalten, sich vor lauter Einsamkeit immer weiter von echten Menschen abzuwenden und sich stattdessen vielleicht Hilfe bei Chatbots zu suchen. Denn immer mehr Menschen machen genau das. Sie richten ihre Sorgen oder Ängste an KI-Systeme. Es gibt sogar "A.I. Companions", also "KI-Gefährten", die angeblich einen ähnlichen Zweck erfüllen sollen wie sonst vielleicht enge Freund:innen oder Partnerschaften. Für die letzte Ausgabe des New Yorker traf Journalistin Anna Wiener sowohl begeisterte Nutzer:innen als auch Entwickler:innen solcher Apps. "Somebody feeling lonely doesn’t have to feel lonely. There is always an A.I. waiting, just to make their life happy", heißt es von einer Nutzerin. Die Einsamen müssten gar nicht mehr einsam sein, eine KI zum Glücklich-Werden stehe schon bereit. Denn die Bots hören zu, geben Ratschläge und liefern Bestätigung. Wie schnell aus ein bisschen Chatten jedoch eine Form von Abhängigkeit entstehen kann, könnt ihr im ARD Radiofeature "Künstliche Nähe" hören. BR-Kollege Christian Schiffer liefert darin einen guten Überblick über die Möglichkeiten und Gefahren, die diese Mensch-Maschinen-Beziehungen mit sich bringen.

Besonders bitter ist, dass solche künstlichen Gesprächspartner für die Tech-Unternehmen des Silicon Valleys natürlich einfach wieder ein Geschäftsmodell darstellen. Die flächendeckende Einsamkeit, also eine gesellschaftliche Krise, wird – ja logisch – in Kapital übersetzt, d.h. monetarisiert. Viele Chatbots sind auf Zuspruch ausgelegt. Denn man soll ja möglichst lange im Dialog verweilen und das macht man natürlich dann besonders gerne, wenn einem das Gegenüber ein gutes Gefühl vermittelt. Bernhard Heckler schwärmte letztes Jahr im SZ-Feuilleton von "seinem Freund Chat" und schrieb über "eine neue Form von intensiver Beziehung". So cool, wenn man plötzlich jemanden hat, den man wirklich ganz bedingungslos zutexten kann und der einem sogar noch Bestätigung gibt. Schwierig nur, wenn dabei negative Gedanken oder im schlimmsten Fall Gewalt, Selbstverletzung oder selbst Suizid gepusht werden.

Richtig abgefahren finde ich die kognitive Dissonanz, die Philosophin Catrin Misselhorn in solch einer Beziehung erkennt: Ein Large Language Modell, das der KI zugrunde liegt, kann ja nicht empathisch auf uns reagieren. Es hat schließlich kein Bewusstsein. Es gibt höchstens sowas wie Emotionserkennung. Doch die Fähigkeit, davon zu abstrahieren, ist nicht das Problem. Die meisten Nutzer:innen seien sich dessen sogar bewusst. Sie reagieren nur trotzdem emotional auf das, was die Künstliche Intelligenz sagt. Anna Wiener schließt im New Yorker aus diesem Verhalten, der Reiz solcher Interaktionen liege vielleicht sogar genau in der Gewissheit, dass da kein echtes, urteilendes, menschliches Gegenüber sitzt, sondern dass da "überhaupt niemand ist". Ein "digitales Beichtzimmer".

Einsamkeit ist eben ein komplexes, schambehaftetes und irgendwie auch sprachloses Gefühl. Alter spielt dabei nicht zwingend eine Rolle. Privilegien scheinen hier nicht so zu greifen wie in anderen Kontexten. In seinem Roman "Partypeople" schreibt ein weiterer BR-Kollege, Stefan Sommer, über einen erfolgreichen DJ, der an einem Abend in Paris, am nächsten auf der Yacht irgendeines Millionärs in Kalifornien auflegt, eigentlich das perfekte Leben haben müsste und trotzdem einsam ist. Inspiriert hat Sommer dabei nicht nur die Dokumentation über den 2018 verstorbenen Star-DJ Avicii, sondern auch Interviews mit aktiven DJs, die aber anonym bleiben wollten. Sommer ist einer von mehreren jüngeren Autor:innen, die sich gerade dem Thema Einsamkeit literarisch nähern. Mal unterschwelliger, mal direkt. Esther Schüttpelz lässt in "Grüne Welle" eine weibliche Hauptfigur nach einem Kinodate mit ihrer Freundin ins Auto steigen und nicht mehr zurück zu ihrem Mann fahren, sondern einfach weg, raus aus der Stadt. Kann sie so endlich der Einsamkeit und einer toxischen Beziehung entfliehen? Schriftstellerin Sophia Merwald, deren Roman ich bereits in einem früheren Newsletter empfohlen habe, hat ihr Debüt "Sperrgut" sogar den Einsamen gewidmet. Im Podcast "Buchgefühl" spricht sie davon, dass ja das Schreiben an sich auch eine sehr einsame Tätigkeit sei. Stimmt! Aber – das gehört auch zur Wahrheit – manchmal tut Einsamkeit halt auch gut.

Sie lässt ihre einsame Hauptfigur Stevie nicht in diesem Gefühl stagnieren (oder sich mit einem "Large Language Model" anfreunden), sondern einen Weg aus der Einsamkeit suchen. Hilfe findet sie im "Lusthansa", einem phantastischen Ort, an dem sich Systemsprenger und Außenseiter zusammentun. Zentrale Themen des Romans sind Solidarität und Gemeinschaft. Auch bei Schüttpelz muss die Hauptfigur sich mit ihrer Passivität auseinandersetzen und kann durch eine zufällige Begegnung endlich versuchen, ihr Reservat zu verlassen – mit Hilfe von menschlicher Gesellschaft.

In einem Blogbeitrag las ich von einer Aussage James Baldwins, die hierzu ganz gut passt. Der US-amerikanische Schriftsteller hat in den Sechzigern mal gesagt: "Du denkst, dein Schmerz sei beispiellos, bis du liest." Literatur schafft natürlich nicht die Verbindung, die AI Companions bieten. Aber sie lässt uns Gefühle durchleben, reflektieren und bietet sogar Ideen für Alternativen an. Und in Buchclubs oder auf Veranstaltungen wie der Leipziger Buchmesse, zu der ich mich jetzt ganz geschwind aufmache, können wir uns dann sogar mit echten Menschen darüber austauschen.

meine Empfehlungen der Woche

Wer sich für Hexengeschichten, Mystery und Historical Fiction begeistern kann, ist beim neuen Hörspiel "Die Hexe von Pendach" richtig. Ein Findelkind ist aus dem Kloster verschwunden, in dem die junge Nonne Agathe lebt. Sie begibt sich auf die Suche nach ihm und gerät im Jahr 1700 nicht nur mitten in Hexenprozesse, sondern auch in ein Wetterphänomen, das sich so wirklich zugetragen hat: Es schneit im Mai! Die aufwendig recherchierte Geschichte, die in den neuen Hörspielstudios des BR vertont wurde, solltet ihr euch "am besten mit Kopfhörern" anhören, hat Regisseurin Pauline Seiberlich empfohlen. Dann ist es ein echt immersives Erlebnis.

Mit Jürgen Habermas ist eines der letzten intellektuellen Schwergewichte unserer Zeit verstorben. Weil ich mich bisher wenig mit ihm auseinandergesetzt hatte, las ich einige Nachrufe und sah mir auch die Doku in der ARD Mediathek an. Die wirkt auf mich ganz schön trocken und irgendwie männlich erzählt. Berührt hat mich dann am meisten das Gespräch vom rbb mit seiner Lektorin Eva Gilmer. Danach hat man wirklich das Gefühl, ein bisschen besser nachvollziehen zu können, wie Habermas gewesen sein muss.

Am Wochenende sah ich die Dokumentation "Ein Nobody gegen Putin", die mein Kollege Quentin schon empfohlen hat, ohne auf dem Schirm zu haben, dass sie für einen Oscar nominiert war. Sonntagnacht wurde der Film über den russischen Lehrer Pawel Talankin, der an seiner Schule für das Mitfilmen und –schneiden von schulischen Aktivitäten zuständig war, dann sogar in L.A. ausgezeichnet. Mit Beginn des russischen Angriffskriegs wandelte sich seine Aufgabe plötzlich zur Kontrollmaßname. Er musste dokumentieren, ob die Schule die vorgegebene Propaganda betreibe, das Material an staatliche Institutionen schicken – und hielt es nicht mehr aus, Teil dieses Systems zu sein. Sehr sehenswert, finde ich auch.

Schöne Restwoche!

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