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Proteste gegen sexualisierte Gewalt in Berlin | Bild: picture alliance/dpa | Carsten Koall

Hallo Zusammen,

nichts ist mehr, wie es einmal war: Am Sonntag gingen bundesweit Frauen, aber auch erfreulich viele Männer, gegen sexuelle Gewalt auf die Straße. 13000 Menschen waren es am Sonntag in Berlin. In den sozialen Medien ist ein Aufschrei gegen das Patriarchat zu hören, wie es ihn seit den ersten Tagen von #metoo nicht mehr gegeben hat. In der bayerischen Landeshauptstadt regiert mit Dominik Krause seit dieser Woche ein Grüner, der sich den Kampf gegen Mietwucher, Klimakrise und Rassismus ins Programm geschrieben hat. Auch außerhalb Deutschlands dreht sich der Wind. In Ungarn sieht es stark danach aus, als müsste der Rechtspopulist Viktor Orbán nach 16 Jahren sein Amt abgeben. Und in den USA sind die Zustimmungswerte für Donald Trump dank der Ölkrise auf dem Tiefststand. Wer all diese Ereignisse zusammenzählt, kann eigentlich nur zu einem Schluss kommen: Die Rechten, die Populisten, die Frauenverächter sind zu weit gegangen. Wir haben es mit einem weltweiten Vibe Shift zu tun: Die Zeit der Monster ist vorbei!

Spätestens bei der Behauptung vom weltweiten Vibe Shift merkt ihr vielleicht, dass ich bewusst übertrieben habe. Der Punkt, den ich diese Woche nämlich machen will, ist folgender: Unsere Aufmerksamkeitslogik folgt viel zu oft den Prämissen von Verschwörungstheorien. Zwei, drei Hinweise reichen oft aus, um ein völlig neues Zeitalter zu verkünden. Kaum ein Satz ist so überstrapaziert wie der, dass wir "heute in einer neuen Welt aufgewacht" seien.

Dabei ist es gerade mal ein halbes Jahr her, dass die Erzählung vom weltweiten "rechten Vibe Shift" in aller Munde war, also zumindest in aller Feuilleton-Munde. Falls es jemand verpasst haben sollte, was wirklich nicht weiter schlimm wäre, hier die Kurzfassung: Die Linken seien angeblich "zu weit gegangen", weswegen Trump wieder Präsident geworden ist. Es kam, um den Zeit-Kollegen Ijoma Mangold zu zitieren, zu einem "Gezeitenwechsel der öffentlichen Diskurse, der hegemonialen Ideologien und der veränderten gesellschaftspolitischen Plausibilitäten". Eine angebliche linke Meinungshegemonie habe ihr Ende gefunden.

Mit vermeintlichen Gezeitenwechseln ließen sich im vergangenen Jahr noch weitere Errungenschaften zu Relikten erklären. Völkerrecht, Feminismus oder eine pazifistische Grundhaltung passten nun angeblich einfach nicht mehr in die neue Zeit. Belege dieses Paradigmenwechsels fänden sich auch bei den jungen Leuten, hieß es: Alle Frauen wollten jetzt unterwürfige Tradwives sein, die jungen Männer hingegen hätten keine anderen Vorbilder mehr außer Frauenhasser wie Andrew Tate. Aus ein paar sozial-medialen Versatzstücken und politischen Ereignissen bastelten sich die Vibe-Shift-Theoretiker so eine Weltformel, mit der sich dutzende Texte und Podcasts befüllen ließen. 

Wie auch schon im China-Newsletter neulich sagen derlei Gedanken weniger über die tatsächliche Weltlage aus als über die Theoretiker selbst. Um etwa die Behauptung des "rechten Vibe-Shifts" aufrechtzuhalten, musste man damals schon einiges ausblenden: das Comeback der Linkspartei zum Beispiel; Frauen, die abseits von einer Handvoll Tradwife-Influencerinnen statistisch immer progressiver wählen; eine Generation von Männern, die trotz ihrer vermeintlichen Alpha-Tier-Männlichkeit so gar keine Lust darauf hat, Wehrdienst zu leisten. Oder einen globalen Süden, der durchaus noch Interesse an der Einhaltung des Völkerrechts hat, nur eben ohne Ausnahmen für Großmächte.

Es ist eine Binse, dass Nuancen in der heutigen Aufmerksamkeitslogik eher stören. Und natürlich muss man immer ein bisschen abstrahieren und vereinfachen, wenn man Gegenwartsanalysen anstellen will. Aber ich frage mich schon, wann es eigentlich angefangen hat, dass man auch abseits der sozialen Netzwerke für eine knallige These so viel Realität aufgeben musste? War es vielleicht 1989 Francis Fukuyamas "Ende-der-Geschichte"-Quatsch? Oder Yuval Hararis Bestseller "Sapiens" 2011, in dem er die Weltgeschichte auf pseudohistorische Stammtisch-Takes eindampfte, wie etwa "Seit wir Weizen essen, gibt es Krieg"?

Vielleicht sollte ich mich, anstatt solche Fragen zu stellen, lieber sofort an ein Buch über den linken Vibe-Shift setzen.  Dazu müsste ich nur ausblenden, dass der Rest Bayerns nach wie vor fest in der Hand der CSU und der Freien Wähler ist. Ich müsste darüber hinwegsehen, dass den Protesten gegen sexuelle Gewalt ein Patriarchat gegenübersteht, das etwa im Pelicot-Prozess, wenn überhaupt, nur eine milde gruselnde Boulevard-Geschichte sieht und keine gesellschaftliche Kontinuität, die mit uns allen zu tun hat. Ich müsste ignorieren, dass Collien Fernandes ihre Teilnahme an einer weiteren Demonstration aufgrund von Morddrohungen absagen musste. Und dass Orbáns Konkurrent in Ungarn ein abtrünniger Zögling von dessen eigener Partei ist, müsste mir auch egal sein. Obwohl dieser in seinen Ansichten etwa so links ist wie Italiens Chef-Postfaschistin Giorgia Meloni.

Das wäre natürlich unredlich. Aber soll ich mir von solchen Umständen meine supertolle These kaputtmachen lassen? Die Antwort, zumindest in diesem Newsletter ist: Ja! Hier bleiben wir hoffentlich auch in Zukunft Vibe-Shift-frei.

Meine Empfehlungen der woche

Bleiben wir auch gleich mal bei Giorgia Meloni. Die gilt in konservativen Kreisen ja gerne als "gemäßigt", weil sie sich zumindest nicht Putin anbiedert und die EU offenbar ganz in Ordnung findet. Bei Arte gibt es derzeit einen interessanten Zweiteiler über ihren politischen Werdegang in der neofaschistischen "Movimento Sociale Italiano". Im ersten Teil geben sich Melonis damalige Förderer tatsächlich noch sehr brav, was die Doku-Machern befremdlich wenig einordnen. Im zweiten Teil sehen wir aber, wie Melonis Regierung Journalisten bespitzelt, Demonstrationsrechte einschränkt, Polizeigewalt beschönigt und Italien Schritt für Schritt autoritärer macht.

Dieses SRF-Gespräch mit der französischen Philosophin Manon Garcia ist zwar schon ein paar Monate alt. Ich kann es aber jedem empfehlen, der sich noch schwertut, einen Zusammenhang zwischen Männlichkeits-Konzepten und sexualisierter Gewalt zu sehen. Garcia hat den Pelicot-Prozess im Gerichtssaal verfolgt und mit "Mit Männern leben" ein Buch geschrieben, das kaum gegenwärtiger sein könnte. 

Eine weitere Problematik, die uns der aktuelle Fall um Collien Fernandes vor Augen hält: Die mal wieder wenig segensreichen Effekte der sogenannten Künstlichen Intelligenz. Diesmal in Form von künstlich generierten Filmen und Bildern. Unter denen haben nicht nur eine Reihe von prominenten Frauen zu leiden, sondern auch Kinder. Diese BR-Dokumentation beobachtet eine Szene von Menschen im Netz, die verschiedene KI-Modelle mit Kinderfotos füttern und Anleitungen zum Erstellen von sexualisierten Gewaltdarstellungen austauschen.

Und hier noch, weil ich gerade vom Tod von Alexander Kluge lese, mein liebstes Gespräch von ihm. Hier befragt er Helge Schneider als vermeintlichen Astronauten Dr. Ferdy Fuller mit Goldfolienhelm. Nichts ergibt dabei Sinn, Kluge führt das Gespräch aber dennoch mit heiligem Ernst. Selbst wenn Schneider sagt: "Es ist im Raum total langweilig. Man muss sich selbst beschäftigen können."

Bis nächste Woche

ARD Sounds Festival

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