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In der Ausstellung "Antifascism: Now" im Lothringer 13 | Bild: Miriam Fendt

Hallo Zusammen,

ich finde, es ist schwer geworden, nicht zynisch zu werden. Die Kombination aus Weltlage, Schlagzeilen und den passenden Social-Media-Buzzwords trägt ihren Teil dazu bei. Dort häufen sich Aussagen wie: Keiner hat mehr Geschmack, alle sind performativ, Autoren schreiben immer schlechter und Musikerinnen sind “industry plants”. Man könne ja gar keine Nachrichten mehr anschauen, der Alltag belaste durch Arbeit-Einkauf-Hausputz doch schon genug. Wie leicht man dem Zynismus in die offenen Arme rennen will, während man so im Hamsterrad steckt. Und mediale Dynamiken befeuern das sogar noch. Aber ist das nur ein Gefühl oder schon Befund? Und wie schaffen wir es, uns nicht vom Zynismus ausbremsen zu lassen?

Letzte Woche hat Quentin von Vibe Shifts geschrieben, der Beobachtung, dass so ziemlich jede Woche ein neues Zeitalter ausgerufen wird. Dabei hat er angemerkt, wie wenig produktiv (und wie wenig repräsentativ für die Realität) das Ganze ist. Dass sich in dieser Aufmerksamkeitslogik, die auf Kurzlebigkeit und Lärm basiert, auch das politische Engagement verändert hat, beschrieb der Historiker Anton Jäger 2023 in seinem Essay “Hyperpolitik”. Er analysierte darin, dass im Vergleich zu den apolitisch geprägten neunziger Jahren oder den postpolitischen Nullerjahren zwar das Potenzial für politisches Engagement in der Zivilbevölkerung gewachsen sei. Es jedoch wenig langfristige Veränderungen ermögliche: “Eben noch demonstrierten Tausende Menschen auf einem Platz – schon sind sie wieder verschwunden, doch die Probleme und Machtverhältnisse sind immer noch da bzw. unverändert intakt.” Stimmt, was ist zum Beispiel aus Fridays for Future geworden? Wie steht's um Black Lives Matter bei denen, die damals fleißig schwarze Kacheln teilten und was ist mit den ganzen Online-Petitionen, die in den letzten Jahren durch die Insta-Stories gingen?

Wir sind Jäger zufolge gesellschaftlich viel politisierter als in den Jahrzehnten davor. Doch dem politischen Engagement im digitalen Raum fehle oft der institutionelle Rahmen. Es mangele an Gruppen, Parteien oder Gewerkschaften, die nachhaltige Veränderungen dann auch wirklich durchsetzen würden. Ein ARTE-Beitrag behandelt Anton Jägers Thesen und fragt: “Lohnt sich politisches Engagement noch?” (VÖ: 3. April). Ich bin gespannt, ob Jäger mittlerweile auch positive Entwicklungen oder sich nur bestätigt sieht. Die Solidaritätskundgebungen für Collien Ferndandes in den letzten zwei Wochen machten wieder deutlich, wie schnell sich eine Vielzahl von Menschen über Social Media mobilisieren lässt. Was toll ist. Doch hoffentlich handelt es sich hier nicht nur um ein kurzes Aufglimmen des Protests oder, wie Jäger es beschreibt, um einen “Modus der viralen Panik, wie sie typisch ist für das beschleunigte Internetzeitalter mit seinen kurzen Hype- und Empörungszyklen”. Über die Möglichkeiten der strafrechtlichen Verfolgung und Prävention von digitaler Gewalt gegen Frauen hat Christoph Leibold im Bayern 2 Perspektivwechsel mit verschiedenen Expert:innen diskutiert. In diesem Fall scheint der breite Protest Gesetzesvorhaben zumindest zu beschleunigen. Sexualisierte Deep Fakes könnten endlich strafbar werden. Fingers crossed.

Doch eine Rede unseres Bundeskanzlers zu Gewalt an Frauen im Kontext dieser Demonstrationen später will ich mir schon wieder eine Clownsmaske ins Gesicht schminken. Der Zynismus klopft und mir fehlt eigentlich nur noch der richtige Soundtrack für die Weltuntergangsstimmung. Passenderweise ist am Freitag das neue Album von Grim104 rausgekommen. Bekannt geworden ist der Rapper als die eine Hälfte des Rap-Duos Zugezogen Maskulin. Gemeinsam mit Testo und auf seinen Solo-Platten hat Grim104 seinen Unmut über Heimatversessenheit, Chauvinismus und Hipstertum in ziemlich laute, düstere und oft zynische Lines gebracht. Never forget: Der Zugezogen-Maskulin-Auftritt am Brandenburger Tor, der in der Mehrheitsgesellschaft für ordentlich Wind (aus Nebelkanonen, die wie Schusswaffen aussahen) sorgte. Jetzt ist sein neues Album raus. Das heißt “No Country For Old Grim” und ist natürlich eine Referenz auf den von lauter Hoffnungslosigkeit geprägten Western von Cormac McCarthy, der 2006 von den Coen-Brüdern in stiller Brutalität verfilmt wurde.

“Wir marschieren einer letzten Mitternacht entgegen” heißt es direkt im Opener, “verlassen von der Hoffnung, dass eine Farbe oder Gott kommt”. Doch der Song hat einen anderen Ton als der typische “Endlich wieder Krieg”- oder “Hurra, die Welt geht unter”-Zynismus. Grim104 richtet sich an die Zweifelnden, die “zwischen den Stühlen”. Er beschreibt auf dem Album das Leben in einem Berlin, in dem sich das Nebeneinander von Elend und Konsum weiter zugespitzt hat. “Ich will einen Smoothie trinken, also steigt ein armer Mann in den Mitsubishi, dass ich Smoothie trinken kann”. Grim104 beobachtet, wie alles um ihn herum immer noch absurder wird. In seinen Lines greift er das gewohnt provokant auf, aber irgendwie steckt in “No Country For Old Grim” auch ein Schwanken, das mich persönlich ziemlich abgeholt hat. In einem Interview mit dem Musikblog “Picky Magazine” sagte Grim104: “Rap lebt von klaren, zugespitzten Botschaften. Da passen Zweifel nicht so gut rein.” Er lässt sie trotzdem zu als eine Art Eingeständnis, dass man nicht alle Absurditäten auflösen kann.

Weiter sagt er: “Wie alle in meiner Generation habe ich die meiste Zeit in den bleiernen, gemütlichen Merkel-Jahren gelebt. Doch ich habe festgestellt: seit 2020 hat meine Sehnsucht nach Weltuntergang und Apokalypse ein paar Dämpfer gekriegt.” Denn zynisch zu sein bringt ja eigentlich nichts. Es ist eine Art Schutzmechanismus, weil es viel einfacher ist, alles scheiße zu finden, als sich mit Handlungsmöglichkeiten auseinanderzusetzen – gerade in einer individualisierten Welt. Aber in dieser Haltung steckt auch eine gewisse Passivität. Welthass lähmt. Und er ist auch eine Form von Privileg. Wer in Zynismus verfallen kann, ist vielleicht nur peripher von den verschiedenen Krisen und Problemen betroffen. Muss nicht Widerstand leisten, um sich selbst zu behaupten. Das bestätigen immer wieder die Autor:innen und Aktivist:innen, die selbst Minderheiten angehören.

Ende letzten Jahres erschien das Buch “Alles auf Anfang” von Max Czollek und Hadija Haruna-Oelker. In einer Mischung aus Brief und Essay suchen die beiden nach einer Erinnerungskultur, einer neuen gesellschaftlichen Position, die alle Menschen mitdenkt, die weniger gewaltvoll ist und Ängsten einen Raum gibt. Ich habe das Buch damals als eine Antwort auf das Erstarken rechter Ideologien gelesen. Wenn ich jetzt daran denke und es nochmal aufschlage, dann auch, um meinen aufflackernden Zynismus zu überwinden. Eine Strategie der beiden ist es, in die Vergangenheit zu blicken, um vom Widerstand anderer zu lernen. Dabei zu sehen, dass Erinnerungskultur keinen Abschluss mit dem Vergangenen meint, sondern das sich immer wieder neu Erinnern, das Anerkennen einer fortlaufenden Gewaltgeschichte. “We were never meant to survive” ist ein im Buch vielzitierter Satz der queeren, Schwarzen Schriftstellerin und Aktivistin Audre Lorde. Er zeigt, dass es immer Widerstand gab, egal wie ausweglos eine Situation erschien, dass es Hoffnung gibt, und es sich lohnt, nach Vorbildern für Widerstand zu suchen und nicht in Zynismus zu verfallen.

Passend dazu sind hier noch drei weitere:

Empfehlungen der Woche (gegen den Zynismus)

Mit ihrem neuen Buch “Dieser Drang nach Härte” steht die Philosophin Eva von Redecker gerade auf der Bestsellerliste. Es macht mir Hoffnung, wenn ich sie über neuen Faschismus sprechen höre und wenn ich die von ihr entwickelten Begriffe lese, die mir helfen, Autoritäres und Faschistisches klar voneinander zu unterscheiden und dafür neuen Faschismus genau an den Stellen zu erkennen, an denen er sich unscheinbar einzuschleichen droht. “Einen Begriff des Faschismus zu haben, bedeutet nicht einfach, etwas sehr Schreckliches klar ins Auge zu fassen. Es heißt auch, die Schrecken der Gegenwart ohne Hang zur Übertreibung und Vereinseitigung ausloten zu können”, schreibt sie. Eva von Redecker bewegt sich in der Tradition der Kritischen Theorie und ihr Text gibt mir das Gefühl, handlungsfähig sein zu können, ohne zynisch zu werden.

Die Ausstellung “Antifascism: Now” im Lothringer 13 in München hat eine klare Position: “Demokratische Kulturarbeit ist antifaschistische Arbeit.” Dabei greifen die beteiligten Künstler:innen Antifaschismus nicht als eine einheitliche Ideologie auf, sondern als eine positive, offen gedachte Praxis von Widerstand und Solidarität – unabhängig davon, wo man sich auf dem demokratischen Spektrum verortet. Auf dem Titelbild dieses Newsletters befinde ich mich gerade in der Ausstellung, die noch bis zum 31. Juli läuft. Besonders anregend fand ich die überall auf die Wände gedruckten Möglichkeiten bzw. Hacks gegen Techno-Faschismus im digitalen Raum. Eine Anregung bezog sich z.B. auf “dirty data”, also die bewusste Veränderung von Zeichen, um es Algorithmen schwer zu machen, Sprache zu erkennen.

Am 6. April jährt sich der Völkermord an den Tutsi in Ruanda. Er dauerte bis zum 4. Juli 1994. Mehr als 800000 Menschen starben damals durch extremistische Hutu. Deutschland und Frankreich schauten zu. Sehr hörenswert ist dazu das ARD-Radiofeature “Tödliches Schweigen”, das das Versagen der offiziellen deutschen und französischen Stellen aufdeckt. Dazu blickt Journalistin Sabine Wachs in Akten und spricht mit Zeitzeugen, die bestätigen, dass es damals Warnungen und klare Zeichen für den geplanten Völkermord gab. Im Orlanda Verlag erschien außerdem im März das bewegende Memoire “Shut up and hide!”, in dem die Genozid-Überlebende Tete Loeper ihre traumatisierenden Kindheitserinnerungen nacherzählt. Es ist wirklich keine schöne Lektüre, aber ein wichtiges Zeitzeugnis aus der Sicht eines Kindes, das die rohe Gewalt und Unmenschlichkeit, die es erfahren muss, nicht begreifen kann.

Bis bald!

Zwei Frauen im Profil blicken nachdenklich, aber auch neugierig auf eine lange Straße, an deren Ende eine heißrote Sonne glüht. Hinter den Köpfen der Frauen erscheint ein großer Rinderkopf.

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