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Mischpult mit Drehreglern | Bild: picture alliance / Zoonar | Bernd Bölsdorf Collage: BR

Hallo zusammen,

sicher kennt ihr diesen Moment bei jeder Art von Auftritt, wenn der Mensch auf der Bühne plötzlich hilflos in den Raum schaut, das Publikum sich die Ohren zuhält und der Tontechniker einen Herzinfarkt bekommt: die Rückkopplung. Das Tonsignal findet dabei seinen Weg von den Lautsprecherboxen ins Mikrofon, es entsteht ein sich selbst verstärkender Kreislauf. Und dann eben dieser ziemlich fiese Piepton.

Als ich zwei Monate in Taipeh gelebt habe, hat mich eine Freundin zu einem Konzert in einer Fußgängerunterführung eingeladen. Schon von weitem hörte genau solche Pieptöne aus dem Treppenschacht. Das Publikum unten hielt sich aber nicht die Ohren zu, sondern schaute interessiert auf einen Menschen, der an einem Mischpult herumdrehte. Was dieser Künstler, ich glaube es war Jared Xu, da bediente, nennt sich "No Input Mixing Board". Im Grunde genommen einfach ein altes Mischpult, das man mit ein paar Kabeln so schaltet, dass das Signal vom Ausgang des Mischpultes direkt wieder zurück in den Eingang geleitet wird. Das löst eine Rückkopplung aus, die man dann wieder mit den zweckentfremdeten Reglern des Pultes zu etwas formt, was sehr entfernt an Tonfolgen oder Rhythmen erinnert, aber meist zufällig und instabil bleibt. Das Mischpult selbst wird also zu einem chaotischen Instrument. 

Zurück in Deutschland musste neulich wieder daran denken, da ich mich gerade viel mit einer Frage beschäftige: Wie könnte eine Kultur aussehen, die sich der Berechenbarkeit und der KI-Reproduzierbarkeit entzieht? 

Ich habe hier zu Anfang des Jahres schon einmal prognostiziert, dass improvisierte Live-Musik ein Gegenentwurf zum glattoptimierten Streaming-Pop werden könnte. Wie durch Zufall geht es auch in dem Buch, das ich gerade lese ("Ways of Being" von James Bridle, sehr zu empfehlen!) unter anderem um "non-binary machines", also um Technologien, die sich jenseits der Logik von Nullen und Einsen bewegen und damit der Komplexität der Welt gerechter werden als normale Computer. 

Das No Input Mixing Board kommt mir also gerade recht. Man könnte es als non-binäres elektronisches Instrument bezeichnen. Es entzieht sich jeder Berechenbarkeit, jeder Skala und Reproduzierbarkeit. Die Geräusche lassen sich durch den Künstler zwar manipulieren. Im Grunde führen sie aber ein Eigenleben, auf das man als Spieler nur reagieren kann. Das Instrument spielt mit dem Menschen, der es bedient. Und so eindrucksvoll es ist, einer Live-Improvisation wie in Taipeh beizuwohnen, ist die entstehende Musik (böse Zungen würden wohl "Lärm" sagen) das spotify-untauglichste, was ich mir vorstellen kann. Insofern würde ich heute behaupten: Uns steht ein großes Noise-Revival bevor!

Ihr merkt vielleicht, ich bin gerade wieder in einem ziemlichen Rabbithole unterwegs. So sehr, dass ich ganze Paper zu dem Thema lese. In einem mit dem Titel "Musical Pathways Through the No-Input Mixer" hat der Autor Statements von Künstlern gesammelt, die das Instrument benutzen. Eines stammt von der Musikerin Mira Martin-Gray, die etwas zu ihrer Motivation sagt, was sehr gut zu meinen Anti-Tech-Kultur-Gedanken passt: "Ich bin eher daran interessiert, das zu nutzen, was gerade zur Hand und günstig ist, als mir teures Equipment anzuschaffen oder mich mit neuen Technologien wie KI zu beschäftigen, die auch immer mit Kapitalismus und digitaler Überwachung zusammenhängen." 

Sie hat recht, alte Mischpulte gibt es für wenig Geld und wie Sand am Meer. Das Mischpult-Spielen hat also auch noch was von Recycling. Natürlich war ich irgendwann so angefixt, dass ich auch zu einem greifen musste. Es lag in einer Kiste in meinem Büro, das ich mir mit ein paar Musikern und einem Plattenlabel teile. Nach zehn Minuten Herumprobiererei hatte ich ein herrliches Lärm-Stakkato in meinen Kopfhörern, an dem ich dann eine gefühlte Ewigkeit herumspielte.

Tatsächlich hatten die Regler ihre Funktion verändert: Drehte ich etwa einen Kanal lauter, veränderte sich nicht dessen Lautstärke, sondern die Tonhöhe. Und als ich noch einen Hall-Effekt dazuschaltete, fand ich mich in einem Geräuschteppich wieder, der wie ein von elektronischen Spechten bewohnter Wald klang. Ich war etwas ganz Großem auf der Spur, einer Sound-Revolution! Als ich kurz meine Kopfhörer abnahm, sagte mein Bürokollege gerade zu seinem Gegenüber: "Kann es sein, dass Quentin seit einer halben Stunde Pieptöne hört?"

die empfehlungen der woche

Falls ihr von dem Gedanken, bewusst Rückkopplungen anzuhören, nicht abgeschreckt seid, möchte ich hier den absoluten Klassiker des Genres empfehlen: Das erste Album von Toshimaru Nakamura, dem Erfinder des No Input Mixing Boards, aus dem Jahr 2000. Die darauf enthaltenen Fiepereien sind ein guter Einstieg, weil sie dank viel Hall, Echo und Loops gar nicht so sehr nach Hörsturz klingen, sondern ziemlich soft.

Wo wir schon beim Thema Unberechenbarkeit sind, möchte ich euch diese Woche die Dokumentation "Gefährliche Apps · Im Netz der Datenhändler" ans Herz legen, die aus einer Zusammenarbeit von netzpolitik.org, der französischen Le Monde und den BR-Kollegen aus dem Recherche-Ressort entstanden ist. Sie zeigt, wie die von hunderten seltsamen Adtech-Firmen erfassten Standortdaten uns alle zu gläsernen Zielen für Geheimdienste, Kriminelle oder Stalker machen.  

Gerade ist mir auch noch die neue Single von Apsilon in den Feed gerutscht. Der macht mit seinem politischen Storytelling-Rap gerade einfach alles richtig, jede Vorab-Single zum neuen Album "Glanz Null" hat mich bisher umgehauen. "Sommermärchen" ist da keine Ausnahme und trifft einen noch einmal an einer ganz anderen, unerwarteten Stelle. 


Bis nächste Woche!

 

Zwei Frauen im Profil blicken nachdenklich, aber auch neugierig auf eine lange Straße, an deren Ende eine heißrote Sonne glüht. Hinter den Köpfen der Frauen erscheint ein großer Rinderkopf.

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