ein Satz, den man beim Kinderarztbesuch gar nicht gern hört, also ich zumindest: "Beobachten Sie das mal, und wenn es schlimmer wird, dann kommen Sie einfach noch mal vorbei!" Für ein Elternteil, das bei der kleinsten gesundheitlichen Auffälligkeit nervös wird, klingt das immer nach einem verbalen Schulterzucken. Zugegeben: Meistens hat der Arzt Gott sei Dank recht. Beim häuslichen Beobachten schauen sich die beiden Eltern dann etwas hilflos an und sprechen sich Mut zu: "Es ist tatsächlich schon besser geworden, oder?" Und dann verschwindet der komische blaue Fleck oder die Rötung in den Augen des Kindes tatsächlich von selbst.
Auch außerhalb der Helikoptereltern-Sphäre hat das "genaue Beobachten" Konjunktur. Es ist zum Meme geworden, zur Politikerphrase. Und ich behaupte diese Woche: zu unserer bevorzugten Art, dem Weltgeschehen und der damit verbundenen Hilflosigkeit zu begegnen. Beobachten wir das mal genauer. Im vergangenen Jahr kursierte ein X-Post von einem Account namens Sophie, der Amazon-Chef Jeff Bezos zeigt. Er schaut einer seiner Raketen beim Herumfliegen zu, vermutlich ähnlich ahnungslos wie junge Eltern beim Arzt. Dazu trägt er ein Headset und zwängt seine Bizeps-Arme in ein absurd knappes Polohemd. "The masculine urge to monitor the situation", hat die Meme-Autorin darüber geschrieben, in etwa: "Dieses maskuline Verlangen, die Situation im Blick zu behalten."
Ich weiß nicht genau, ob das Bild von Bezos das erste "Monitor the situation"-Meme war. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob die Autorin ihren Post als Gag gemeint hat, oder doch irgendwie bewundernd. Ich habe für das Bezos-Foto auch keine fotografische Quelle gefunden, möglicherweise ist es nicht einmal echt. Fest steht: Es gibt mittlerweile Hunderte solcher Posts (zum Beispiel Hund hier), die sich über das sinnfreie Beobachten der sogenannten Situation lustig machen. Es gibt sogar ganze Podcasts, die sich mit dem Phänomen beschäftigen.
Und klar, auch ich kenne dieses Verlangen ziemlich gut. Ich erwische mich ständig dabei, dass ich plötzlich alles stehen und liegen lasse, um "die Situation" zu beobachten. Oft ist das nicht mehr als eine schlechte Entschuldigung dafür, dass ich doomscrolle, anstatt mein eigenes Leben auf die Reihe zu kriegen. Zum Beispiel muss ich doch beobachten, ob Trump die Straße von Hormus nun öffnen oder blockieren will. Und ob ihn dabei die Bundesregierung unterstützt, warum auch immer. Das muss man im Blick behalten, da kann doch der Abwasch mal warten!
Ich dachte lange, als Journalist wäre das private Dauerbeobachten eine Art Berufskrankheit. Mittlerweile glaube ich, dass wir es hier mit einem geschlechter- und branchenübergreifenden Verlangen zu tun haben, das sich mit völlig absurden Breaking News ("Trump löscht Heilandsbild nach Kritik"), Live-Blogs, Videoschnipseln aus Kriegsgebieten oder Ölpreis-Kurven bestens befriedigen lässt. Natürlich ist es absolut legitim, sich für Weltpolitik zu interessieren. Aber auch wenn ich jetzt vielleicht klinge wie ein Pfarrer: Ich habe das Gefühl, dass vielen die Straße von Hormus, das Weiße Haus oder ein langsam sterbender Wal vor der Ostseeküste näher sind als der Bürgersteig vor unserer Haustür, näher als die Menschen direkt außerhalb des hauseigenen "Situation Rooms". Das Beobachten wird zu oft zum Selbstzweck, die beobachteten Inhalte zum Beleg der eigenen vermeintlichen Machtlosigkeit, die Miriam hier neulich beschrieben hat. Obwohl es tausende Orte gäbe, an denen man sich lokal engagieren könnte, seufzen wir lieber und sagen: "Ich bin gerade total vom Weltgeschehen überfordert."
Plattformen wie Polymarket treiben dieses Prinzip noch einen zynischen Schritt weiter. Sie machen aus dem Weltgeschehen einen Markt, auf den sich wetten lässt. Dort kann man als Hobby-Beobachter auf den Verlauf von Wahlen, Kriegen oder Taylor Swifts Beziehungsleben Geld setzen. Und sich freuen, wenn man richtig lag. Juhu, die Waffenruhe hält doch nicht, hab’ ich es doch gewusst!
Unser privates Monitoring bleibt abseits unausgeräumter Spülmaschinen noch verhältnismäßig folgenlos, von besagter Hilflosigkeit und Isolation mal abgesehen. Aber selbst auf der politischen Bühne hat sich das Beobachten zum Modus Vivendi der Polykrise entwickelt. Als würde man sich selbst auf höchster Machtebene aufs ohnmächtige Beobachten zurückziehen. Zum Beispiel in den vergangenen Wochen, als sich längst abzeichnete, dass es keinen Exit-Plan für den Angriff auf den Iran gab und dieser Konflikt die ganze Welt noch lange belasten dürfte. Auf eine gemeinsame völkerrechtliche Bewertung des Angriffs durch die Regierungskoalition wartet die deutsche Öffentlichkeit etwa bis heute. Man muss wohl noch ein bisschen beobachten.
Auch wer in den vergangenen Wochen die Bundespressekonferenz verfolgte (was ich als Dauer-Observierer natürlich tat), konnte sich vor Beobachterei kaum retten. Die Situation in und um Iran werde dort laut den Pressesprechern stets "genauestens beobachtet", oder sogar "eng" oder "engmaschig", wohl eine Eindeutschung von "to monitor closely". Erst danach könne man "Handlungsoptionen prüfen" und "notwendige Maßnahmen" ergreifen. Gestaltung geht anders. Das klingt eher nach dem Bürokalauer: Wer nichts tut, macht keine Fehler. Aber Krisen verschwinden nicht so einfach wie ein Kinderwehwehchen.
Dabei leugnet niemand den Ernst der Lage. Bundeskanzler Merz fürchtet, dass die momentane Situation ähnlich folgenreich wie die Corona-Pandemie werden könnte. Da klafft zwischen Analyse und Reaktion ein gewisser Spalt. Als würde er diese Kritik des reinen Beobachtens bereits erahnen, erklärte der stellvertretende Regierungssprecher Sebastian Hille Ende März: "Die Bundesregierung hat, wenn man so will, nicht nur ein reaktives Verständnis von 'beobachten', sondern ein aktives Verständnis von 'beobachten'."
Leider fragte keiner nach, was aktives von reaktivem Beobachten unterscheidet. Denn dort läge ja genau der Kern dessen, worüber sich die vielen Memes im Netz lustig machen. Wenn Jeff Bezos mit Headset und verschränkten Bizeps-Armen im Kontrollraum steht, strahlt er zwar maskuline Präsenz aus. Er tut aber letztlich: nichts. Auch unser aller Beobachten ist weder aktiv noch reaktiv. Wir fühlen uns dem Weltgeschehen zwar näher denn je, ständig ruft es uns vor den Bildschirm, als würden wir dort irgendwie gebraucht. Am Ende bleiben wir aber meist doch regungslos in der ersten Reihe sitzen.
Ende März hat die bereits erwähnte Wettmarkt-Plattform Polymarket eine Pop-Up-Bar in Washington D.C. eröffnet, vollgestopft mit 80 Fernsehern, Touchscreens und einem riesigen Globus. Dort sollten sich die Besucher ganz dem Situation-Beobachten hingeben können. Am Eröffnungstag war die Bar zwar voll, der Strom laut Berichten allerdings zu knapp. Die Bildschirme blieben schwarz, das Wlan funktionierte nicht. Den Anwesenden blieb wohl nichts anderes übrig, als sich mit anderen Menschen von Angesicht zu Angesicht zu unterhalten. Ich könnte mir vorstellen, dass es ein guter Abend war.