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wenn ich in einem Museum stehe und ein Kunstwerk ansehe, dann macht das was mit mir. Aber wie? Und was genau? Die Räumlichkeiten sind in der Regel weitläufig, angenehm beleuchtet und ruhig. Ich betrachte und muss nicht unmittelbar reagieren. Vielleicht lese ich einen Ausstellungstext. Vielleicht schaue ich aber auch einfach nur und spüre, inwieweit mich das, was ich sehe, berührt. Manchmal werde ich sogar selbst Teil der Ausstellung und interagiere mit den Kunstwerken, wie es im Haus der Kunst in München noch bis Ende Mai möglich ist.
In der Gruppenausstellung “Für Kinder. Kunstgeschichten seit 1968”. Da bin ich über den von Besuchenden mit Wachsmalkreiden bemalten Boden der großen Mittelhalle gegangen oder habe meine Schuhe ausgezogen, um mich in ein weißes Bällebad zu legen. Kunst, die sich in erster Linie an Kinder richtet, aber damit auch das Kind in uns wachrütteln will. Das hat Spaß gemacht und mich zum Nachdenken über unser Zusammenleben, gesellschaftliche Teilhabe und “Heilung” durch Kunst gebracht. Denn dass Kunst etwas in uns bewegen kann, das ist nicht nur eine Floskel.
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Schon Aristoteles hat der Kunst eine Art therapeutischen Wert zugeschrieben. Darauf bezog sich über 2300 Jahre später die Kulturtheoretikerin Susan Sontag in ihrem Essay “Gegen Interpretation”. Ihre berühmte und damals fast skandalöse Forderung war: “Statt einer Hermeneutik brauchen wir eine Erotik der Kunst.” Also weniger Kopf, mehr Knistern. Nach dem Museumsbesuch fühlte ich mich entspannter als zuvor – und so ein Effekt ist laut einem Report der Weltgesundheitsorganisation WHO von 2019 auch messbar. Wissenschaftler:innen werteten damals mehr als 3000 Studien aus und stellten einen messbaren positiven Effekt von Kultur und Kunst auf die physische und psychische Gesundheit fest. Und das Coole ist, dass wir dafür gar nicht selbst künstlerisch aktiv werden müssen, sondern dass die Betrachtung allein schon ausreicht. Aber was genau passiert da eigentlich in uns?
Fragen wie dieser widmete sich meine Kollegin Andrea Mühlberger im Bayern 2 “Perspektivwechsel”. Eine mögliche Erklärung lieferte Adak Pirmorady-Sehouli, Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Sie betonte, dass Kunst uns zur Selbstreflexion anregen kann. Bestimmt habt ihr das auch schon an euch selbst wahrgenommen: Manche Kunst gefällt uns, manches spricht uns gar nicht an. Aber die Betrachtung allein lässt uns Dinge fühlen, die nichts mit der Künstlerperson oder deren Intention zu tun haben müssen, sondern eigentlich immer nur mit uns selbst.
Wir treten in den Dialog mit uns selbst. An diesem Punkt setzt auch das therapeutische Potenzial von Kunst und Kultur an. Einige Länder haben das schon längst erkannt und es fest im Gesundheitssystem etabliert. In Großbritannien gibt es sogar Museumsbesuche auf Rezept, während hierzulande an Kultur gespart wird. In München etwa wurde Ende letzten Jahres beschlossen, dass die unterschiedlichen Kulturinstitutionen 2026 knapp 18 Millionen Euro einsparen sollen. Kurator Lukas Feireiss, der in Zusammenarbeit mit dem Netzwerk Kunst und Medizin der Charité an der Universität der Künste in Berlin die Vortragsreihe „The Healing Arts“ organisiert, sagte auf Bayern 2 dazu: “Wenn wir an Kultur sparen, sparen wir eigentlich nicht wirklich. Wir verschieben die Kosten nur.”
Die Verantwortung für die Gesundheit der Bevölkerung verschiebt sich derweil immer weiter ins Private, wird zur individuellen Aufgabe. Selbstwirksamkeit, Achtsamkeit, Resilienz. Der (Buch-)Markt um diese Begriffe boomt nicht umsonst. Seit der Corona-Pandemie wird der ostasiatische Trend “Healing Fiction”, also heilende Fiktion, auch bei uns immer populärer. Kulturjournalistin Marie Serah Ebcinoglu erklärte die Merkmale dieser Bücher erst kürzlich im Deutschlandfunk Kultur und ordnete deren Wirkungsweise ein: Die Bücher sind alle ähnlich konzipiert, spielen immer in einem etwas aus Zeit gefallenen, netten Umfeld. Die Figuren, die alle ein (existentielles) Problem haben, kommen in Cafés, Tante-Emma-Läden oder Buchhandlungen und werden dort von ihren Traumata geheilt. Ganz einfach! Hat aber wenig mit der Realität zu tun. Trotzdem schwören viele Lesende auf den positiven Effekt, den diese Bücher auf ihr Wohlbefinden auslösen würden. Was ich davon halte, drüber habe ich auch schon mal auf unserem BookTok-Kanal @ard_literally gesprochen. Damals war ich dem Ganzen ziemlich kritisch gegenübergestanden. Und auch wenn mir diese schnell versprochene, leicht bekömmliche Katharsis immer noch etwas zu eindimensional vorkommt, kann ich heute besser verstehen, wieso diese Bücher so gerne gelesen werden. Die Welt ist manchmal einfach schon hart genug. Das meint die Journalistin Miriam Davoudvandi, die gerade das Buch “Das können wir uns nicht leisten” über das Aufwachsen in Armut in Deutschland veröffentlicht hat. In einem Interview sagte sie etwas, das mich aufhorchen ließ: “Wenn du aktiv in der Armutserfahrung drinsteckst, möchtest du das nicht lesen. Das ist ja dein gelebtes Leben.” Wenn man in einer belastenden Situation steckt, kommt einem der Griff zur “Healing Fiction” also wahrscheinlich niederschwelliger vor als der Griff zum ambitioniert erzählten ”Ich erzähle Euch von meiner Depression”-Roman. Oder als der Gang ins Museum. Ich bemerke es auch immer wieder selbst. Viele Kulturinstitutionen stellen immer noch Räume dar, die nicht den Eindruck vermitteln, alle ansprechen (und „heilen”) zu wollen. Man denke nur an den buchstäblichen Elfenbeinturm, den man erklimmen muss, um eine Lesung im Literaturhaus München zu besuchen. Und auch Museen sind nicht selbstverständlich Räume, in denen sich alle zurechtfinden. Adak Pirmorady-Sehouli erklärte, dass man sich in diesem Umfeld sicher fühlen muss, damit der Dialog mit den Werken auch eine produktive Auseinandersetzung auslösen kann. Manche Menschen bräuchten ihrer Meinung nach deshalb eine Begleitung, um die Überforderung, die von Kunst ausgehen kann, besser bewältigen zu können. Es benötigt also auch hier institutionelle Rahmenbedingungen, einen Wandel im System. Was es sicher nicht braucht, sind Kürzungen.
Ein wichtiger Schritt sind neu gedachte Ausstellungskonzepte, wie zum Beispiel im Haus der Kunst. Weil es Kinder und junge Menschen als Publikum ernst nimmt und versucht, deren Perspektive ins Zentrum zu rücken. Und weil die Ausstellung auch verschiedene Lesarten erlaubt, wie meine Kollegin Julie Metzdorf lobte: “Man kann sich den Kunstwerken sinnlich nähern und intellektuell.” Wenn ihr also am langen Wochenende noch nichts vorhabt, dann könnt ihr ja mal den Selbstversuch wagen und euch beim Museumsbesuch beobachten. Wie geht es euch, wenn ihr ein Kunstwerk betrachtet? Für alle, die keins in der Nähe haben, gibt es dazu auch Onlineangebote, wie hier beim Bode-Museum.
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Weitere empfehlungen der woche
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Im Rahmen des Literaturfest Münchens habe ich an zwei Silent-Reading-Partys von “Was München liest“ teilgenommen. Eine Stunde wurde gemeinsam gelesen. Eine Stunde diskutiert. Dazu haben sich die ehrenamtlichen Organisatorinnen Franzi und Miri ein Überthema sowie Impulsfragen für die Kleingruppen ausgedacht. Der Wunsch der beiden ist es, einen Raum zu schaffen, in dem das Lesen zelebriert wird und in dem man neue Freundschaften knüpfen kann. Im Juli findet die Leseparty zum ersten Mal in der Münchner Volkshochschule statt. Und wer sich gerade noch fragt, warum eigentlich so viele junge Frauen so gerne lesen und wieso sie viel zu “New Adult”-Büchern greifen, kann sich diese BR Story anschauen. Ein Einblick in die Romance-Buchwelt!
Die Trennung von Tic Tac Toe fällt zwar in mein Geburtsjahr, 1997, doch trotzdem ist das Erste, woran ich dachte, wenn ich den Bandnamen höre: die Pressekonferenz aus diesem Jahr, in der sich die drei Bandmitglieder gegenseitig beschimpft hatten, was letztlich zur Auflösung führte. Ganz großes Drama. Ein ikonischer Moment der deutschen Popgeschichte. Leider! Denn genau hier setzt der neue Podcast „Reclaim Tic Tac Toe“ an. Warum so viel Verachtung für diese Girl Band? Host Meret Reh sagt in der ersten Folge: „TicTacToe haben so viel mehr gerissen und das will ich so irgendwie nicht stehenlassen.” Dafür spricht sie mit Zeitzeug:innen, Musiker:innen, Fans und zeigt, was wir aus dieser öffentlichen Wahrnehmung von Tic Tac Toe lernen können: für Popkultur, Feminismus und Black German History.
Noch eine Podcastempfehlung: Überlebende von Katastrophen leiden. Unter anderem auch, weil sie sich die Frage stellen: Warum ich? So ging es Juliane Diller. 1971 stürzt ihr Flugzeug über dem peruanischen Dschungel ab, sie war die einzige Überlebende. Nach ihrer Rettung verfolgt sie die Sensationspresse. Sie zieht sich zurück, will mit niemanden darüber sprechen. Bis zu einem Anruf 1998. Am Telefon: Werner Herzog. Und der überredet sie sanft, sich noch einmal der Vergangenheit zu stellen. Dreht mit ihr einen Dokumentarfilm im Dschungel. Diller ist dafür Herzog bis heute dankbar: “Es war heilsam, sich seiner eigenen Vergangenheit in dieser Form zu stellen, wo man das dann nicht alleine, sondern mit anderen zusammen dann noch einmal durchlebt hat. Das war sehr schön im Grunde, so schmerzlich es war.” Das alles könnt ihr im Podcast “Werner Herzog – zu groß für Deutschland” hören.
Und ganz zum Schluss noch eine musikalische Empfehlung für euch. Wer Bock auf ein Album hat, das sich nichts Geringeres vorgenommen hat, als ein ganzes Leben – von der Geburt bis zum Tod - in Musik zu packen, ist hier richtig. Naná Rizinni wurde in Brasilien geboren und lebt in London. Die Schlagzeugerin, Produzentin und Komponistin hat ihren Bruder verloren und ihre Trauererfahrungen in ihr Fusion-Jazz-Album “Epiblast” einfließen lassen. Das ist in den letzten zwei Jahren in Zusammenarbeit mit dem Saxophonisten und Produzenten Mark Cake entstanden. Während ich diesen Newsletter geschrieben habe, wurden ein paar Lebenszyklen von “Epiblast” durchgehört.
Schöne Restwoche euch und bis bald!
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