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es gibt da diese zu Tode zitierten Sätze des Italieners Antonio Gramsci, die der Philosoph Slavoj Žižek irgendwann mal falsch übersetzt und in dieser Version berühmt gemacht hat: "Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren. Jetzt ist die Zeit der Monster“, soll Gramsci geschrieben haben. Die "Zeit der Monster" findet sich mittlerweile in Buchtiteln, Reden und Essays, meist in Bezug auf die heutige Weltlage, Putin, Trump, you name it. In Wirklichkeit hat Gramsci nie über "Monster", sondern von "morbiden Symptomen" gesprochen. Ich habe das schon mal in einem anderen Newsletter ausgeführt, heute will ich mich aber nicht länger mit zulässigen oder übergriffigen Freiheiten beim Übersetzen beschäftigen, sondern eine Alternative zu den "Monstern" vorschlagen, die viel besser zu unserer Zeit passt. Ich sage: Jetzt ist die Zeit der Trolle!
Der Begriff des "Trolls" war bis vor ein paar Jahren noch ein Phänomen, das sich so gut wie immer auf den digitalen Raum bezog, von ein paar Märchen und Fantasy-Büchern mal abgesehen. Er stammt laut der "New York Times" aus der Frühphase des Internets und beschreibt "jemanden, der absichtlich Online-Communities stört". Beim "Trolling" ging es also von Anfang an darum, einen Beitrag zu verfassen, dessen einziges Ziel die Provokation und das Anstacheln des Gegenübers war. Ich würde noch hinzufügen, dass beim Trolling meist auch mehr oder weniger gelungener Humor im Spiel ist.
In den vergangenen Jahren hat man das "Trolling" meist rechten Accounts zugeschrieben. Mit ihren ständigen Provokationen, hieß es, zerstörten sie nicht nur Online-Foren, insbesondere Twitter, sondern gleich auch den Diskurs an sich, wenn nicht sogar gleich die gesamte Demokratie. Als Devise galt entsprechend: "Don't feed the troll". Tauchte ein als Troll identifizierter Account auf, begegnete man ihm durch Stummschalten oder Blockieren. Und mit einer ganz eigenen Erhabenheit, sich nicht auf das Niveau des Trolls herabzulassen. Ganz nach dem Michelle-Obama-Prinzip: "When they go low, we go high".
Blickt man auf die heutige Zeit, muss man feststellen, dass diese Strategie gescheitert ist. Mit Elon Musk und Donald Trump sind die Posten "reichster Mensch der Welt" sowie "mächtigster Mensch der Welt" von zwei Trollen besetzt, die den größten Teil ihres Tages mit damit verbringen, auf ihren jeweils eigenen Plattformen X und Truth Social Leute zu attackieren. Diese Feststellung ist nicht ganz neu. Ich würde aber auch behaupten, dass das Trolling an sich mittlerweile seinen verpönten Ruf verloren hat. Es ist längst nicht mehr bösen Online-Typen vorbehalten, sondern hat sich lagerübergreifend zu der gängigen Kommunikationsstrategie schlechthin entwickelt. Trolling ist derzeit das effektivste Mittel, um eine Botschaft loszuwerden. Nicht nur in der Politik, sondern überall dort, wo Öffentlichkeit gefragt ist. Wer sich auf dem Aufmerksamkeits-Pausenhof nach vorne drängeln will, muss andere vorführen.
Ein naheliegendes Beispiel ist Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom, der im vergangenen Sommer damit anfing, Trump zurückzutrollen, indem er dessen Großbuchstaben-Posts imitierte. Eine Zeit lang entstand so der Eindruck, als könne er sich allein dadurch als Trump-Entzauberer und kommender US-Präsident in Stellung bringen. When they go low, we go low too. Ein weiteres Beispiel: Die X-Accounts verschiedener iranischer Botschaften, die derzeit virale KI-Rapvideos posten. Darin tritt etwa Trump als schwitzendes Legomännchen auf, das den Iran angreift, um von den Epstein-Files abzulenken und um Benjamin Netanjahu zu gefallen. Aus einem muffigen Islamisten-Regime, das derzeit wieder reihenweise eigene Bürger hinrichtet, wird so für viele ein Online-Kumpel mit witzigen Punchlines gegen das Weiße Haus.
In Deutschland wiederum versuchen linke Influencer wie Dara Sasmaz aka "Der Dara" gerade, mit Klima-Motiven in NS-Ästhetik die rechte Szene zu trollen. Auf den (ebenfalls KI-generierten) "Heimatstrom"-Memes sieht man etwa ein Windrad in schwarz-weiß-rot, darunter den Spruch "Deutscher Strom aus deutschem Sturm" in Frakturschrift. Provoziert hat das allerdings bisher nur das eigene politische Lager. Auch mir erschließt sich nicht, inwiefern künstliche Nazi-Ästhetik und blonde Jünglinge vor Solarzellen Widersprüche von Rechtsextremen offenlegen oder "die Mitte der Gesellschaft" erreichen, wie es "Der Dara" ausdrückt. Komisch auch, wo er die Mitte des Diskurses zu verorten scheint.
Und noch ein Beispiel: Ende Juni erscheint "Die Damentoilette" beim Verlag park x ullstein, ein Sammelband mit Liebeserklärungen verschiedener Autor:innen, die sich allesamt um den titelgebenden Ort drehen. Ich glaube, ich lehne mich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich sage, dass dieses Buch eine direkte Reaktion auf den Literaturkritiker Denis Scheck ist. Der hatte den Inhalt von Ildiko von Kürthys Buch "Alt genug", ebenfalls im Ullstein Verlag erschienen, mit der Formulierung "Nachrichten aus der Schnatterzone der Damentoilette" abgetan. Die Reaktion des Verlags, der vermeintlichen Schnatterzone direkt ein Buch zu widmen, hat schon was. Auch wenn wir es hier nicht mit einem Angriff im klassischen Sinne zu tun haben, würde ich den Vorgang ebenfalls unter "Trolling" einordnen.
Ihr merkt schon, vielleicht bin ich so besessen von der Trolling-Dynamik, dass ich sie plötzlich hinter jeder zweiten Nachrichtenmeldung entdecke. Aber allein mit Blick auf die Ereignisse der vergangenen Wochen könnte ich die Liste noch lange fortführen: Die makabre Henkersschlingen-Torte auf der Geburtstagsfeier des rechtsextremen Ministers Itamar Ben-Gvir in Israel, mit der er wohl Kritiker der neuen Todesstrafen-Gesetzgebung trollen wollte. Oder die Aktivisten, die zur Met Gala Boykottaufrufe an Jeff Bezos' Penthouse in New York projizierten, der zusammen mit seiner Frau Hauptsponsor der Gala war. Und Justin Biebers Coachella-Auftritt, bei dem er anstatt einer Bühnenshow einen Karaoke-Auftritt zu Youtube-Videos vom Laptop veranstaltete: War das nicht auch eine Trolling-Aktion, mit der er auf humorvolle Art die Erwartungen unterlief?
Eines ist sicher: Gegen die Kulturtechnik des Trolling zu moralisieren, bringt eher wenig, auch wenn es im Kontext von Krieg und Menschenleben zweifellos eine geschmacklose Angelegenheit ist. Vielleicht ist es beim Trolling wie beim Humor an sich. Es kommt halt drauf an, ob der Witz gut ist. Ob er nach unten oder oben tritt. Wer ihn wo und wann erzählt. Und: Dass er nie mich selbst trifft.
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