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BR Logo und Schriftzug Soft Power
Junge auf Leiter vor Wolkenhimmel | Bild: Unsplash

Hallo zusammen,

vielleicht erinnert ihr euch noch an eine Soft-Power-Ausgabe vor ein paar Wochen, als es um meine Angst ging, irgendwann in einem Klischee-Katalog zu enden. Dabei hatte ich auch die französischen Arbeiterjacken erwähnt. Die sieht man seit ein paar Jahren weniger an tatsächlichen Arbeitern, sondern vor allem an stilbewussten Männern, die in Großstadt-Cafés besonders schlaue Bücher lesen. Wirkliche Style-Avantgarde ist man damit mittlerweile auch nicht mehr. Der französische Vintage-Arbeiterjacken-Mann ist im Jahr 2026 vielleicht sowas wie der Harry Styles der Mode. Sieht ganz gut und interessant aus, steht aber bei genauerem Betrachten für kaum mehr als harmlos-freundliche Neutralität. 

Ich will hier aber nicht weiter über einen Klischee-Archetypen lästern, sondern über die "Arbeiterjacke" von Palantir schreiben. Ja genau, dieses Überwachungs- und KI-Zielerfassungs-Palantir, mitgegründet vom Milliardär und Pseudointellektuellen Peter Thiel, der von demokratiefreien Inselstaaten träumt und den "Antichristen" wahlweise in Greta Thunberg oder der UN wittert. Auf der Website des Unternehmens konnte man bis vor kurzem für 239 Dollar tatsächlich einen "Lightweight Chore Coat" aus "100% American Cotton" kaufen. Die ist bereits ausverkauft und sieht eins zu eins wie das französische Original aus, vom Firmenlogo auf der Brusttasche mal abgesehen.

Nachdem ich überall eine Trolling-Dynamik wittere, sehe ich in dieser Kopie eines europäischen Klassikers durch ein Trump-nahes Verteidigungsunternehmen fast schon eine Provokation. Es wurde auch schon viel über den seltsamen Weg der Arbeiterjacke aus den Werkstätten Frankreichs ins Silicon Valley der Multi-Milliardäre und die Klassenfragen rund um Workwear geschrieben. Ich will aber heute auf einen anderen Punkt hinaus: die vollständige Umkehrung des Merchandise-Prinzips, die sich hier abspielt.  

Ich muss hier ein wenig ausholen, starten wir mal beim Merch-Normalfall: Geht man auf ein Konzert einer Band, kann man danach am Merch-Stand ein T-Shirt oder einen Baumwollbeutel mit deren Logo, Foto oder Tourdaten kaufen. Diese Merch-Artikel sind abseits ihres Aufdrucks meist nicht sonderlich hochwertig oder einfallsreich. Darauf kommt es aber auch nicht an. Ihre Coolness und Bedeutung entstehen allein durch das Logo, mit dem sich der Träger als Fan der Band ausweisen kann.  

Im Fall der Palantir-Jacke ist es genau umgekehrt: Das Unternehmen ist so ziemlich das unbeliebteste des Planeten. Zum Beispiel wegen seiner Zusammenarbeit mit dem US-Militär (bei der Pseudo-Zielerfassung für Drohnen und Flugzeuge im Irankrieg) oder beim Aufspüren vermeintlicher Gang-Mitglieder mit der Abschiebebehörde ICE. Eigentlich ist man sich dessen auch bewusst: "Wir fühlen uns sehr wohl damit, unbeliebt zu sein", sagt etwa Palantirs CEO Alex Karp. Erst neulich meinte er außerdem, dass 10 Prozent der Weltbevölkerung sein Unternehmen “berufsmäßig hassen” würden. Wenn also ein Unternehmen wir Palantir plötzlich ein Merch-Produkt im Stile der ikonischen französischen Arbeiterjacke herausbringt, soll nicht die Jacke vom Image des Unternehmens profitieren, sondern das Unternehmen vom Image der Jacke. 

Diese Umkehrung wäre eigentlich nur eine Randnotiz, hätte ich sie nicht auch gerade erst in einem anderen Zusammenhang beobachtet. In den alten Kassenräumen des Filmtheaters am Sendlinger Tor ist vor ein paar Monaten die Vollautomaten-Kaffeekette "Plex" eingezogen. Bei Plex handelt es sich um eine dieser Ketten, die gerade immer wieder in der Kritik stehen, weil sie angeblich die traditionellen Röstereien und unabhängigen Cafés verdrängen. Wie bei der weit größeren Kette "Lap Coffee" steht dahinter ein Business, verkauft wird konkurrenzlos günstiger Knopfdruck-Kaffee aus Vollautomaten. Mit dem Einsatz von ChatGPT sollen Arbeitabläufe optimiert werden, man wolle die Cafés mit der "Denkweise eines Lean Startups" führen, sagt deren Gründer Maximilian Kamp. Klingt eher nach BWL-Handbuch als nach Kaffeehauskultur. Bei einem Blick hinein fiel mir auf, dass die Plex-Filiale auch Merch verkauft. Und zwar moosgrüne Kappen, die genau wie die französische Arbeiterjacke ein absolutes Standard-Piece eher bewusst konsumierender Großstadt-Millennials sind. Also genau denen, die eigentlich schon beim Wort “Vollautomat” das Weite suchen.  

Ich will die Gründer von Plex nicht mit Peter Thiel gleichsetzen, aber auch hier versucht ein Unternehmen, sich per Merchandise ein freundlicheres Gesicht zu verpassen und sich in eine Welt einzuschleichen, die es aus Prinzip ablehnt. Man will nicht als das Startup von ein paar Finance Bros wahrgenommen werden, sondern eher wie der kumpelige Typ, der beim Playdate am Spielplatz auch mal ein Radler mittrinkt. Mode funktioniert aber nur selten wie eine Tarnkappe. Wenn Café-Merchandise für irgendwas gut ist, dann vielleicht als Richtlinie dafür, welche Cafés man besser meidet: nämlich die, wo Kappen ausliegen.  

Wenn anderorts die Cappuccinopreise langsam an der 5-Euro-Grenze sägen, könnte das Image-Cosplay der Vollautomatenketten langfristig aber doch noch funktionieren. Bei Palantir und seiner Tötungs-KI dürfte das schon etwas schwieriger werden. Wenn es nach mir ginge, darf diese auch weiterhin gehasst werden, gerne auch berufsmäßig. Daran könnte wohl noch nicht einmal Harry Styles als Markenbotschafter in einer blauen Palantir-Jacke etwas ändern.

Meine Empfehlungen der Woche

In der vergangenen Woche habe ich auf dem Münchner DOK.fest den Film "Meanwhile in Namibia" von Jonas Spriestersbach gesehen. Im Zentrum des Films steht ein von der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit gefördertes Entwicklungshilfeprojekt, das in seiner Aufmachung sehr unangenehm an die "Völkerschauen" der Jahrhundertwende erinnert. In "lebenden Museen" sollen dabei etwa die Nachkommen der von den Deutschen abgeschlachteten Herero ihre vorkoloniale Lebensweise nachspielen – für deutsche Touristen. Ich kann den Film maximal empfehlen, auch wenn ich mich als Zuschauer vor Fremdscham, eigener Scham und Fassungslosigkeit kaum auf dem Kinosessel halten konnte. Bis zum 25. Mai kann man "Meanwhile in Namibia" noch in der "@home"-Sektion des DOKfest für ein paar Euro zu Hause ansehen. 

Die "Tracks"-Redaktion hat in den vergangenen Monaten einen auffälligen Fokus auf eines meiner Lieblingsthemen gelegt: digitale Souveränität von unten. Ich habe hier schon mal einen Beitrag über die sogenannten Sneakerweb-Aktivisten empfohlen, die nach neuen Datenwegen abseits der Plattformen suchen. Nun gibt es mit "Off Grid" eine Kurz-Dokumentation darüber, wie sich digitale Kommunikation ganz abseits des Internets organisieren ließe. Etwa für den Fall, dass eine Regierung das Netz abstellt. Dafür haben die Filmemacher eine Gruppe von Menschen in Barcelona besucht, die über dezentrale Mesh-Netzwerke kommunizieren.  

Ich habe Anfang des Jahres ja mal prophezeit, dass 2026 das Jahr der improvisierten, sperrigen Livemusik wird. Und zack: Im Import Export in München gibt es mit "Trotzdem" nun eine neue Konzertreihe für Jazz, Improvisation und experimentelle Musik mit drei Live-Acts pro Abend, die "bewusst auf Irritation, Reibung und neue Perspektiven" setzt. Los geht es diesen Freitag um 20 Uhr mit Performances von Bex Burch & Johannes Schleiermacher, dem Saxofonisten Damian Dalla Torre im Duo mit Laura Zöschg und dem Polyrhythmus-Schlagzeug-Uhrwerk Simon Popp.Schaue ich mir an!

  

Bis dahin oder bis nächste Woche! 

Schriftzug: „Reclaim: Tic Tac Toe – Doku-Podcast für die erste deutsche Girlband und ihre Legacy“ Foto der Bandmitglieder Tic Tac Toe und ARD Sounds Logo auf der rechten Seite

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