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in den vergangenen Tagen ist mir eine Reihe von Videos begegnet, die in ihrer Ähnlichkeit schon fast Meme-Charakter haben. Man könnte schon von einem eigenen Genre sprechen: Reiche Menschen, die von Uni-Absolventen ausgebuht werden, wenn sie bei deren Abschlussfeier über Künstliche Intelligenz reden. In der öffentlichen Debatte haben viele das zum Anlass genommen, über die Technologiefeindlichkeit der Generation Z nachzudenken. Ich habe mich beim Ansehen der Videos hingegen gefragt: Was macht die KI-Verfechter eigentlich so taktlos?
Den Anfang machte die Immobilienmanagerin Gloria Caulfield in Florida. "Der Aufstieg der Künstlichen Intelligenz ist die nächste industrielle Revolution!", rief sie bei ihrer Rede auf der Abschlussfeier der dortigen Universität. Es folgten lautes Buhen und "KI ist Mist"-Rufe, was die Rednerin sichtlich irritierte. "Da habe ich wohl einen Nerv getroffen", sagte sie etwas unbeholfen, "darf ich ausreden?" Unverhofften Applaus bekam sie erst nach dem Satz, "vor zwei Jahren spielte KI in unserem Leben noch keine Rolle".
Es folgte der Plattenlabel-Chef Scott Borchetta in Tennessee, der auf das Buhen beim Thema KI mit einem patzigen Gegenangriff reagierte: "Was ihr in eurem ersten Jahr hier gelernt habt, könnte jetzt bereits überflüssig sein", behauptete er: "Findet euch damit ab!" Der jüngste Fall war dann Ex-Google-Chef Eric Schmidt in Arizona, der den Absolventen ihre Zukunft erklären wollte. Beim Thema KI versuchte er es zunächst etwas versöhnlicher: "Ich weiß, wie viele von euch darüber denken. Ich verstehe euch", antwortete er auf die Buhrufe zum Thema. Es folgte ein wirres Hin und Her: Einerseits läge es ja an den Absolventen, ihre Zukunft nach ihren Wünschen zu gestalten. Sie sollten keine Angst haben, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen. Andererseits werde KI "jeden Beruf, jedes Klassenzimmer, jedes Krankenhaus, jedes Labor, jede Person, jede Beziehung, die ihr habt" berühren, raunte er dann. "Die Frage, ob KI die Welt erschüttert, stellt sich nicht", sagte Schmidt, der gerade noch von einer Zukunft ohne Angst geschwärmt hatte, "das wird sie".
Tja, und was, wenn man als junger Mensch keine Lust darauf hat, dass jede Beziehung von KI durchdrungen wird? Wenn man am Tag seiner Abschlussfeier nicht so gerne hört, dass man angeblich umsonst studiert hat? Und wenn man natürlich weiß, dass die Jobchancen düster aussehen, weil sich viele Unternehmen durch KI Einsparungen erhoffen? Überhaupt: Warum sprachen die Redner lieber über ihre Lieblingstechnologie als über die Studierenden? Die Buhrufe sind nur die eine Seite. Viel interessanter finde ich - und das lässt sich nicht nur bei den Abschlussreden feststellen - mit welcher Ignoranz die KI-Enthusiasten auftreten. Und wie überrascht sie von der Reaktion ihres Publikums sind.
Zum ersten Mal fiel mir diese Weltfremdheit bei der "Crush"-Werbung von Apple im Jahr 2024 auf. Darin sah man, wie ein Klavier, eine Gitarre, Farben, Kameras und andere Kreativ-Insignien von einer Schrottpresse zerquetscht wurden, begleitet von Sonny & Chers "All I Ever Need Is You". Übrig blieb nur ein iPad, den ganzen anderen Kram brauche es ja dank KI nicht mehr, so die Botschaft. Die Aufregung war riesig und reichte sogar bis zum Schauspieler Hugh Grant, der Apple eine "Zerstörung der menschlichen Erfahrung" vorwarf. Apple nahm den Spot schließlich offline und entschuldigte sich.
Ein ähnlicher Fall war ein Interview mit Mikey Shulman, dem CEO des KI-Musik-Unternehmens Suno, das übrigens gerade von der Gema verklagt wird. Er, der ja eigentlich Musiker von den Vorteilen seines KI-Zauberwerkzeugs überzeugen will, machte darin folgende Aussage: Musik zu machen, bringe ja eigentlich keine Freude. Es bräuchte dazu einfach zu viel Zeit und Übung, der "Großteil dieser Zeit" mache kaum jemandem Spaß. Ich kenne absolut keinen Musiker, der hier nicken würde. Ob Shulman sich jemals mit einem unterhalten hat?
Diese Sammlung wäre natürlich nicht vollständig ohne OpenAI-Chef Sam Altman. Der wollte im vergangenen Jahr die Menschen von den illustrativen Fähigkeiten seiner KI überzeugen, indem er generierte Bilder im Stil der japanischen Ghibli-Zeichentrickfilme verbreitete. Der Gründer von Studio Ghibli, Hayao Miyazaki, hatte Künstliche Intelligenz bereits 2016 als "Beleidigung des Lebens selbst" bezeichnet. Gleichzeitig steht wohl kaum ein Filmstudio so sehr für Handarbeit und gezeichnete Detailtiefe wie Studio Ghibli. Die Ghibli-KI-Bilder konnte man daher weniger als Hommage verstehen, eher als ausgestreckten Mittelfinger. Es wirkte fast so, als wollte Altman mit seinen Ghibli-Plagiaten gezielt Künstler vor den Kopf stoßen.
Gemein ist allen Fällen die Verwunderung darüber, dass Menschen nicht in Begeisterungsstürme verfallen, wenn die KI-Freunde ihre Arbeit für wertlos erklären. Dein Studium war umsonst, deine Fähigkeiten sind nichts als Zeitverschwendung, deine Pinsel und Instrumente ein Fall für die Schrottpresse – Moment mal, warum jubelst du nicht? Den in den Abschlussreden mitschwingenden Vorwurf, dass die buhenden Absolventen sich der Realität da draußen stellen sollten, könnte man genauso an die Redner zurückspiegeln, die vor lauter KI-Investments offenbar keinerlei menschliches Einfühlungsvermögen mehr besitzen. Vielleicht entlarvt die Inkompetenz der Redner einen Mangel, der sich auch in den KI-Modellen zeigt: Echte Intelligenz hat eben auch eine soziale Dimension.
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