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letzte Woche las ich eine Meldung, die mich ehrlich gesagt zum Schmunzeln gebracht hat: Haruki Murakami, der japanische Bestsellerautor von “Kafka am Strand” oder “Naokos Lächeln”, wird im Juli erstmals einen Roman veröffentlichen, der eine weibliche Hauptfigur ins Zentrum rückt. Sollen wir ihm dafür jetzt applaudieren? Es ist zwar nicht so, dass weibliche Charaktere in seinen letzten 15 Romanen überhaupt keine Rolle gespielt hätten. Murakami wurde jedoch bereits für die Darstellung seiner Frauenfiguren kritisiert. Zu sexualisiert und eindimensional hieß der Vorwurf. Und ja: Wenn Murakami seine männlichen Hauptfiguren auf weibliche treffen lässt, dann werden diese in der Regel entweder von deren Anziehungskraft und grafisch beschriebenen körperlichen Attributen überwältigt oder müssen überhaupt erst aus deren kindlich-naiv mysteriösen Aussagen schlau werden. Mein Eindruck aus den Büchern, die ich von ihm gelesen habe: Das andere Geschlecht erscheint in Murakamis Büchern eigentlich als großes Fragezeichen. Und ob das jetzt in Form eines Romans aufgearbeitet werden kann, dessen Protagonistin wohl erstmal auf einen Mann trifft, der sie als "die hässlichste Frau, die er jemals gedatet hat” beschreibt? Daran müssen wir uns jetzt nicht weiter abarbeiten. Denn diese kleine Meldung zeigt meiner Meinung nach noch viel mehr. Und das hat was mit der Benennung von Perspektiven und “Männerliteratur” zu tun.
Das Label “Männerliteratur” ist natürlich eigentlich Quatsch. Das gibt es nicht. Das Label “Frauenliteratur” ist im Übrigen zwar genauso bescheuert, es existierte aber lange. War eine eigene Kategorie in der Buchhandlung, in der sich vor allem das wiederfand, was eher zu belächeln war. In den letzten Jahren wurde, angestoßen von feministischen Literaturwissenschaftlerinnen wie z.B. Nicole Seifert, zwar die Kritik daran lauter und die offensichtliche Kategorisierung verschwand weitestgehend. Doch irgendwie schwebt dieses Label auch weiterhin über dem, was Frauen schreiben – vor allem dann, wenn es in den Büchern auch um gelebte weibliche Realität geht. Dafür sorgt oft allein schon die geschlechtsstereotype Gestaltung der Bücher. Wenn es einem das Cover nicht eh schon unterbewusst vermittelt, wird im Klappentext oder spätestens in der Rezeption eines Buches benannt werden, wessen Sicht hier erzählt wird. Die Weibliche. Und weil ich es nicht bei der binären Geschlechtereinteilung in “männlich” und “weiblich” belassen will, sei an der Stelle betont, dass es sich ähnlich auch bei queerer Literatur verhält. Oder bei der, die andere marginalisierte Perspektiven verhandelt. Die nicht weiß, heterosexuell oder männlich sind.
Das muss nichts komplett Negatives sein. Ganz neutral könnte man sagen: ich möchte gerne wissen, worüber ich lese. Und noch wichtiger: Eine Benennung kann die Positionen und Lebensrealitäten stärken, die nicht automatisch Teil einer patriarchal dominierten Wahrnehmung sind. Wie wir am Beispiel von Haruki Murakami gemerkt haben, wollen wir ja genau die Figuren lesen, die mehrdimensional und komplex sind. Keine klischeehaften Männerfantasien. Aber Murakami führt uns hier noch an ein anderes Problem. Erst kürzlich fiel mir “Naokos Lächeln” in die Hände. Interessanterweise bezog sich meine Lieblingspopmusikerin Dua Lipa in ihrer Rede zum International Booker Prize 2026 unter anderem auf folgende Geschichte als eine, die sie nachhaltig bewegt habe. Mir fiel auf, dass der Roman zwar eine dezidiert männliche Perspektive erzählt, aber als – quasi “normale” – Liebesgeschichte rezipiert wird. Nicht als “Männerliteratur”. Und so verhält es sich in der Regel immer, wenn es eine männliche Perspektive gibt. Die wird dann in der Regel nicht benannt, sondern als unausgesprochene Norm hingenommen. Für “Literally” hatten meine Kollegin Marie Schoeß und ich 2024 ein Video genau dazu gemacht. Darin kamen wir zu dem Schluss: Der Gerechtigkeit halber sollte jede Perspektive benannt werden – entgegen einer vermeintlichen Norm.
Das würde ich auch jetzt noch unterschreiben. Und sogar noch einen Schritt weiter gehen: Jede Perspektive sollte auch wirklich gelesen werden. Nicole Seifert beginnt ihr augenöffnendes Buch “Frauenliteratur. Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt” mit der rhetorischen Frage, ob denn das Geschlecht wirklich eine Rolle spielen sollte, wenn wir entscheiden, was wir lesen. Ihr könnt ja mal den Selbsttest machen und mir schreiben, wie das Verhältnis bei euch aussieht. Denn: Was wir lesen, worauf wir unseren Fokus legen, mit welchen Themen wir uns beschäftigen, kann eine bewusste Entscheidung sein, eine mit Haltung. Und sogar eine, die Solidarität zeigt. Die Germanistin und Content Creatorin Lina Lentge hat auf Instagram einen Aufruf zu mehr Solidarität beim Lesen von queerer Literatur gemacht und ein passendes Bild der Pädagogin Rudine Sims Bishop aufgegriffen: Bücher können Spiegel und Fenster sein. Ein Spiegel, in dem wir uns selbst erkennen oder ein Fenster, durch das wir eine andere Lebensrealität oder Wirklichkeit betrachten können. So ein guter Vergleich! Und Dua Lipa fügte in ihrer International-Booker-Prize-Rede noch dazu: “Wenn es darum geht, die Perspektive von anderen zu verstehen, dann kommt nichts an ein Buch ran.” Für sie ist – vor allem auch übersetzte – Literatur “the antidote to othering”. Also ein Gegenmittel gegen Ausgrenzung.
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