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Kopf im Kühlfach 241543903  | Bild: Quentin Lichtblau/BR

Hallo zusammen,

ich kann mich noch ziemlich gut erinnern, wie ich an einem Sommerabend irgendwann in den späten Nullerjahren eine SMS bekommen habe. Sie kam von einem Freund, ich solle mich auf der Stelle zu einem Grundstück in der Nähe des Münchner Mittleren Rings begeben. Als ich dort ankam, stand ich vor einem seit Jahren geschlossenen, ziemlich großen Altersheim. Er navigierte mich per Telefon zu einem offenen Kellerfenster, das er ein paar Stunden vorher entdeckt hatte. Dort holte er mich mit den Worten "Komm mit, es ist so krass" ab. Durch das Dunkel des Heizungskellers und Gänge voller Rollstühle und Kartons mit vergilbten Fotos ging es weiter hinauf aufs Dach. Oben saßen eine Handvoll Leute im Sonnenuntergang, wir tranken ein paar Bier, später sahen wir uns noch den alten Speisesaal des Hauses an. Wir malten uns aus, dass wir hier Konzerte und Raves veranstalten würden, wie genau wir die Kabel zum Stromgenerator nach draußen verlegen könnten. Und fragten uns, ob es vertretbar wäre, dafür hunderte Leute durch ein Kellerfenster zu quetschen.

Der Rave fand am Ende natürlich nie statt, es siegte die Angst vor der Hausfriedensbruch-Anzeige. Was aber blieb, ist die Sehnsucht nach solchen geheimen Orten: Versteckte Party im Wald, Bars ohne Namen, Konzert in Fußgängerunterführungen oder Bunkern. Man könnte meinen, dass diese Art von Sehnsucht dank Social Media tot ist. Wer hier einen vermeintlichen "Geheimtipp" teilt, macht ihn zunichte. Will man heute überhaupt noch irgendwo sein, ohne sich dort inszenieren zu können? Und da unser Leben sich eh zu großen Teilen ins Digitale verlagert hat: Gibt es dort auch geheime Orte?

Hier muss ich Internet-Pessimisten mal enttäuschen: Ich glaube, dass es online gerade eine Bewegung gibt, die sich tatsächlich wieder ins Geheime flüchtet. Und das nicht einmal auf irgendwelchen Discord-Servern oder obskuren Websites, sondern mitten auf den großen Plattformen selbst. Schon früher, zu Zeiten meiner Altenheim-Expedition, gab es im Netz solche Orte. Wer zum Beispiel bei Google die Tastenkombination "241543903" eingibt, sieht hunderte Bilder von Menschen, die ihren Kopf in ein Gefrierfach halten. Das Ganze war eine Aktion des Künstlers David Horvitz, der 2009 Menschen unter dem Motto "Heads in Freezers" dazu animierte, entsprechende Bilder unter eben jenem Zahlencode ins Netz zu laden. So entstand eine frühe Community aus dadaistisch veranlagten Gleichgesinnten, die sich nicht in einem Forum oder Netzwerk, sondern nur in den Suchergebnissen auf Google manifestierte. Das Bild oben stammt übrigens von mir selbst, jetzt kennt ihr auch meinen Kühlschrank.

Ein weiterer geheimer Internet-Ort war der Kommentarbereich unter einem Youtube-Video, das mit dem Lied aus dem Super-Nintendo-Spiel "Donkey Kong Country" von 1994 unterlegt war. Dort tauschten sich ohne jede Anleitung Leute, beginnend mit dem Wort "Checkpoint", in tausenden Kommentaren über ihr Leben aus. Immer mit einer leicht melancholischen Note: Was sie erreicht hatten oder nicht, ob sie glücklich waren, was wohl ihr kindliches Super-Nintendo-Ich über sie denken würde. Ich fand dieses Phänomen immer wahnsinnig toll – und war entsprechend enttäuscht, als ich gerade herausfand, dass das Ur-Video mitsamt der Kommentare seit 2020 nicht mehr online ist.

Unter diesem neueren Video setzt sich das Ganze allerdings fort, mittlerweile sogar mehrsprachig. Dort finden sich weiterhin Kommentare wie: "Checkpoint, 23.3.2026: Ich werde in einem Monat 30. Mein Vater ist vor ein paar Jahren an seiner Drogenabhängigkeit gestorben, ich habe meine Geschwister seit fast einem Jahrzehnt nicht mehr gesehen. Ich muss mich entscheiden, wie es mit dem Rest meines Lebens weitergeht."

Was mich aktuell wieder an diese Orte denken lässt, ist das Phänomen der "TikTok Farlands". Es funktioniert ähnlich wie die Kühlfach-Köpfe: Anstatt trendender Begriffe müssen User Zahlenreihen wie "3ka8tc7onv2vy6jvca700fbc2hi" in die TikTok -Suchleiste eingeben – und landen so bei allen möglichen Video-Absonderlichkeiten, die User dort hinterlegt haben: Manche wirken wie der Rohschnitt einer Adam-Curtis-Doku, andere sehen eher nach dem Imagefilm einer 90er-Jahre Esoteriksekte aus. Was zählt, ist latenter Grusel, Grobkörnigkeit, Edginess. Alles unterlegt mit leiernden Ambient-Sounds und kaputter DIY-Ästhetik, die ich sehr mag. Was nicht so toll ist: Weil das hier immer noch TikTok ist, findet sich dazwischen auch immer wieder Gewalt und pubertärer Sexkram, ganz uneingeschränkt kann ich einen Trip in die Farlands also nicht empfehlen.

So richtig brechen wollen die Farlands das Plattform-Dogma "Hauptsache, es hält dich vom Weiterswipen ab" vielleicht nicht. Und sicher wird ihre Existenz bald auch aufgesogen und durch Re-Uploads von lieblosen Accounts zerstört (manche Videos sind bereits Ausschnitte aus alten Youtube-Grusel-Klassikern).

Zumindest aber markieren sie eine kleine Gegenbewegung zur sonst vor sich hinstrahlenden Reinheit der Influencer und der Berechenbarkeit der User-Interessen. In gelungenen Fällen verzichten die Videos ganz auf die sonst üblichen Tricks, mit denen User zum Dranbleiben animiert werden sollen. Sie sind eher Kunstwerke als Aufmerksamkeits-Hacks. Sie sind vielschichtig und nicht so übereindeutig wie ein 0815-Tiktok. Und durch die Weitergabe immer neuer Zahlencodes in den Kommentaren unter den Videos gibt es auch ein gewisses Insider-Community-Element.

Die "Farlands" geben mir als Enddreißiger ein ganz klein wenig Hoffnung zurück, dass die Geheimort-Unangepasstheit nicht totzukriegen ist. Ein ähnliches Gefühl hatte ich, als ich vergangenen Sommer nachts mit dem Rad nach Hause fuhr – und unter einem trockenen Kanalschacht ein Basswummern vernahm. Aus dem anderen Ende des Schachts torkelten fröhliche Leute, die höchstens halb so alt wie ich waren. Ein paar Meter weiter summte ein Generator. Da kann man doch beruhigt ins Bett gehen. Wobei: Das Schlimmste, was solchen Orten passieren kann, ist natürlich, dass ein Journalist über sie schreibt.

Meine Empfehlungen der Woche

Alles andere als geheim ist das neue Album "Inferno" der Elektronik-Schotten Boards Of Canada, mit deren Ambient- und Downtempo-Tracks sich auch sehr gut ein "Farlands"-Video unterlegen ließe. In meiner Bubble wird es gerade zu Recht rauf und runter gefeiert. Boards of Canada (Insider schreiben natürlich nur "BoC") haben schon vor Jahrzehnten die Möglichkeiten und Grenzen von Technologie behandelt. Und wie diese auf all das, was wir "natürlich" nennen, zurückwirkt. Auf "Inferno" finden sich nun so viele Querverweise auf Wissenschaft, New-Age-Kram und Philosophie, dass man sich gerne freinehmen würde, um ein paar Wochen im Band-Subreddit die Tracks zu entschlüsseln. Man kann das Ganze aber natürlich auch einfach anhören. Die Kollegen vom Zündfunk haben die Platte hier rezensiert

Unsere Zeit kennt viele Beispiele dafür, dass es Menschen selten guttut, schon als Kind berühmt zu werden. Bei Kinderschauspielern geht der Sprung vom Normalo zum hofierten Kinderpromi besonders schnell. Die Dokumentation "Kinderschauspieler – Der Preis des Erfolgs" hat drei solcher Menschen begleitet. Man neigt ja gern dazu, deren Klagen über zu viel Aufmerksamkeit oder Streitigkeiten am Filmset als Luxusprobleme abzutun. Die Dokumentation führt aber eindrucksvoll vor Augen, welchen Schaden eine solche Karriere im späteren Leben anrichten kann. Luna Jordan, die im Film auch zu Wort kommt, ist vor zwei Wochen im Alter von 25 Jahren gestorben.

Und noch ein Buchtipp: Ich war schon länger auf der Suche nach etwas zum Lesen, das nichts, aber auch wirklich gar nichts mit Debatten, Weltlagen-Kram oder den Gefühlswelten saturierter Millennials zu tun hat - und trotzdem zeitgemäß ist. Die Sammlung "Mother River", die ins Englische übersetzte Kurzgeschichten der Chinesin Can Xue enthält, ist in dieser Hinsicht eine zehn von zehn. Ihre Welten sind zwar nichts mit Fantasy zu tun, sind aber von Geistern bevölkert, von Stimmen in Flüssen oder einem geheimen Wald mitten in der Stadt. Die Geschichten fangen dabei meist relativ "normal" an, wenig später kann man sich kaum mehr retten vor lauter Seltsamkeiten. Eine Geschichte von Can Xue zu lesen, das sei "als würde man Achterbahn fahren und gleichzeitig halluzinogene Drogen" konsumieren, hat mal eine SWR-Kollegin von mir geschrieben. Diese Abgedrehtheit, die mich ein bisschen an "Watermelon Sugar" von Richard Brautigan erinnert, kann einen erst einmal überfordern. Wie bei Brautigan funktioniert das Lesen dann aber ganz wunderbar, wenn man sich etwa darauf eingelassen hat, dass jemandem einfach so ein Stein aus dem Kopf wächst.

Bis nächste Woche!

Auf dem Podcast-Cover ist eine Frau mit braunen, schulterlangen Haaren zu sehen. Sie trägt Hemd und Pullunder. Statt einem Gesicht ist ein Holzkreuz und im Hintergrund loderndes Feuer zu sehen. Daneben steht in Großbuchstaben „Seelenfänger“.

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