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Soft-Power-Logo vor Uhren | Bild: BR/colourbox

Hallo zusammen,

verzeiht mir: Diese Woche geht es schon wieder um Künstliche Intelligenz und Reden. Allerdings diesmal nicht um Menschen, die Reden über KI halten. Sondern eigentlich um genau das Gegenteil: Künstliche Intelligenzen, die aus Menschen sprechen. Denn derzeit wird einem Politiker nach dem anderen der Einsatz von KI-Textgeneratoren vorgeworfen. Zum einen in Gastbeiträgen von Digitalminister Wildberger in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und dem Handelsblatt. Zum anderen dem Thüringer Ministerpräsidenten Mario Voigt, dessen Gastbeiträge sogar von der KI halluzinierte Experten-Zitate enthielten, die so nie gefallen waren. Zusätzlich hatte Voigt offenbar sogar bei Traueransprachen und einer Rede zum Holocaust-Gedenktag zum Textgenerator gegriffen (oder greifen lassen).   

Ich halte es natürlich für bodenlos, wenn Politiker einen Kern ihrer Arbeit auslagern und ihren Zuhörern etwa am Holocaust-Gedenktag anstatt von menschlicher Anteilnahme nichts als Maschinenphrasen vorsetzen. Heute will ich auf einen etwas anderen Punkt hinaus, der selbst Leute überzeugen könnte, die von moralischen Argumenten nicht viel halten: Nämlich die Mär davon, dass der Einsatz von KI-Textgeneratoren Zeit spart. Ich glaube, dass das viel seltener stimmt, als wir denken.  

Der große Reiz der Sprachmodelle steckt im Alltag ja unter anderem darin, dass man in Windeseile riesige Mengen Text herstellen kann. Die Bewerbung für den Job? Ein paar Prompts, bisschen drübergucken – raus damit. Die 0815-Mail an den Kollegen? Die Präsentation, bei der eh niemand zuhört? All das kann doch schnell die KI schreiben, da muss nun wirklich keine persönliche Emotion mitschwingen. Vielleicht haben Voigt oder Wildberger ähnlich gedacht. Ich kenne sogar Fälle, in denen Leute Glückwunschkarten an Verwandte, sogar die eigenen Eltern, von einer KI formulieren lassen. Moralisch ist das einigermaßen daneben. Aber ich glaube, dass auch das von derlei Ansprüchen befreite Effizienzdenken hier an seine Grenzen kommt. Meine Theorie lautet: Zeit wird durch den Einsatz von KI-Textgeneratoren nicht gespart, nur weitergereicht. Die Zeitersparnis der einen ist damit immer auch die Zeitverschwendung der anderen.  

Wenn im beruflichen Mailverkehr nur noch KI-Slop hin- und hergeschickt wird, frage ich mich, ob das die Produktivität wirklich steigert. Wenn Personalabteilungen auf ihre Ausschreibungen tausende KI-generierte Bewerbungen erhalten, muss am Ende irgendein armer Mensch aussortieren, welche Bewerbung Substanz hat. "Das kann doch dann auch wieder eine KI machen", argumentieren hier vielleicht einige. Doch auch am Ende jedes noch so ausgefuchsten KI-Kreislaufs muss irgendein armer "human in the loop" den ganzen angehäuften Quatsch wieder entwirren.   

Neulich war dieser jemand ich selbst: Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen, per Faktencheck einen Text überprüfen zu müssen, bei dem die Autorin zwar nicht beim Schreiben selbst, aber bei der Recherche ihrer Zahlen und Fakten offensichtlich auf KI zurückgegriffen hatte. Ein legitimes Vorgehen ihrerseits, könnte man meinen: Sie kam dank der KI schneller an ihre Daten, musste nicht stundenlang Studien wälzen – und sparte Zeit. Durch meinen Faktencheck ließ sich dann sicherstellen, dass alles seine Richtigkeit hat, so die Idee.   

Die Autorin, beziehungsweise die KI, hatte jede Zahl in ihrem Text bereits mit einer Quelle versehen, in der ich nur noch die jeweilige Statistik nachprüfen sollte. Das Problem: Bei mindestens der Hälfte fand sich die jeweils genannte Zahl nicht in der verlinkten Studie, teilweise handelten diese von einem völlig anderen Thema. Oder die zitierte Studie existierte schlicht nicht.

Anstatt an einem Tag kurz die Zahlen und ihre jeweilige Quelle übereinanderlegen zu können, musste ich letztendlich drei Tage aufwenden, um neue Zahlen und Belege zu finden. Die KI, die selbstbewusst Quellen halluziniert hatte, hatte meine Arbeit um ein Vielfaches erschwert. An diesen Moment werde ich denken, wenn ich beim nächsten Mal verlockt bin, mal eben etwas vorformulieren zu lassen oder bei der Suche auf den KI-Modus von Google zurückzugreifen, um vermeintlich Zeit zu sparen.   

Und hier kommen wir auch wieder zur Geschichte um Wildberger und Voigt. Dort gab es offenbar nicht einmal jemanden, der die falschen Zitate und dämlichen Formulierungen löschte oder verbesserte. Das Ergebnis ist fast noch schlimmer. Die Mühe und Zeit, die beide mit ihrem KI-Einsatz gespart hatten, blieb an ihrem Publikum hängen. Die Gastbeiträge wurden ja schließlich von zahlenden Abonnenten gelesen, die öffentlichen Reden von Trauernden und NS-Überlebenden angehört. Letztere mussten also höflich schweigen und lauschen, während Voigt Sätze vorlas, laut denen die Augen der Auschwitz-Überlebenden "leer und zugleich unendlich tief" gewesen seien. Spätestens hier bin ich mir sicher: Wirklich jeder im Raum hätte etwas Besseres zu tun gehabt.  

Meine Empfehlungen der Woche

Anfang des Monats hat sich die EU darauf geeinigt, den Bau von Abschiebezentren für Migranten in Ländern wie etwa Uganda oder Usbekistan voranzutreiben. Es wird gerne argumentiert, dass sich auch dort EU-Standards einhalten ließen. Wer auf die bisherige EU-Zusammenarbeit mit Drittstaaten blickt, bekommt da eher Zweifel. Diese neue Dokumentation aus Libyen zeigt zum Beispiel, wie dort mit Migranten umgegangen wird, unter anderem auch durch Menschen, die dafür von der EU bezahlt werden. Die Dokumentarfilmer erhalten dort Zugang zu Hallen, in denen die Migranten zu Hunderten eingesperrt und zur Zahlung von Lösegeld erpresst werden. 

Ich musste neulich erst wieder daran denken, was für ein absurdes Format die "Bravo" mit ihren Soft-Porno-Fotolovestorys und ihren Sextipps für 12-Jährige eigentlich war. Die irgendwie legitime Aufklärung bei gleichzeitiger Hypersexualisierung, diese onkelige Boulevard-Pädagogik, war ja gewissermaßen der Markenkern. Mit diesem Zwiespalt setzt sich auch eine neue dreiteilige ARD-Doku auseinander, die sich all den hellen und dunklen Seiten der damaligen "Teenager-Bibel" widmet.

Und zum Schluss mal wieder eine Pop-Obskurität: Wer diesen Newsletter schon länger liest, erinnert sich vielleicht an das Album von der singenden Nonne aus den Siebzigerjahren, das ich hier einmal empfohlen habe. Diese Woche bin ich per Zufall bei Youtube auf einen sehr tollen Channel gestoßen, der Ambient-Raritäten gewidmet ist. Ich weiß nicht, ob Gott mir irgendein Zeichen schicken will, aber ich bin dort schon wieder auf dem Album einer Kirchenmusikerin hängengeblieben, nämlich "My God and My All“ von der Synthesizer-Virtuosin Sally Daley von 1990. Die göttliche Botschaft ist hier rein instrumental, schön holprig und durchdrungen von einer 90er-Jahre-Kassettenkompression.  

Nächste Woche ist Miriam dran, bis in zwei Wochen also!

 

Mehr Kultur

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