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Banker muss Lehman Bank verlassen | Bild: picture alliance / dpa Themendienst | Alexander Heinl

Hallo Zusammen,

kennt ihr das? Ein neuer Gedanke. Der so einleuchtend daherkommt, dass er total überzeugend klingt. Wobei – der fies kühle Paul Valéry hat mal gewarnt, neue Gedanken seien leider meist nur auf den ersten Blick überzeugend. Ich jedenfalls hatte so was wie eine profane Erleuchtung, einen Moment, in dem ich glaubte, einen Generalschlüssel für viele Krisen gefunden zu haben.  

Und ja, davon gibt es viele. Manchmal fühle ich mich fremd in diesem Jahrtausend. Anders fremd als mit süßen 19, als mich niemand verstanden hat. (NIEMAND!!! 19 ist das Alter der Ausrufezeichen und das Alter, in dem man es hasst, süß genannt zu werden.) Lange war es so: Je älter ich wurde, desto zufriedener wurde ich mit meiner Heimat. Einem Land, das meinen Kindern eine kostenfreie Ausbildung ermöglichte, mir eine bezahlbare Krankenversicherung. Ein Land, das sich nicht immer gradlinig, aber doch zu einer demokratischeren und offeneren Gesellschaft entwickelt hat. Habe ich mich da geirrt?  

Deutschland zweifelt an sich. Es gibt Zeitdiagnostiker, die nennen dazu Daten. 2022, Ukrainekrieg. 2020, Corona. 2015, Öffnung der Grenzen für die Flüchtlinge. Ich würde noch 2008 hinzufügen: die Bankenkrise (Dank an Jens Balzer und für diese Erkenntnis aus seinem neuen, wie immer schlauen Buch "Confusion is next"). Warum? Weil damals eine Grundfeste unseres Gesellschaftssystems zusammenbrach: dass die freie Wirtschaft alles besser kann. Was ihr tatsächlich gelang: Ein System aufzubauen, das egal, ob es funktioniert oder leider eben nicht, unbedingt am Leben gehalten werden muss. Auch, wenn das die Gesellschaft belastet. Too big to fail, heißt ja: Im Zweifel müssen wir für unser Versagen nicht geradestehen. Weil der Staat, dessen Kompetenz in Wirtschaftsfragen wir höchstens belächelt haben, uns am Ende doch vor der Insolvenz schützen muss.  

Weswegen ich das ausgeführt habe? Weil es zum Kern dessen führt, was all die aufgezählten Krisensituationen vereint. Die Gesellschaft, zumindest ein großer Teil von ihr, sieht sich ihrer Handlungsoptionen beraubt. "Alternativlos" hat das Angela Merkel genannt, ein bürokratisches Wort, das mehr verdeckt, als es erklärt. Eine Situation, in der nur noch die Wahl zwischen einer schlechten und einer noch schlechteren Handlung besteht. Unangenehm, vielleicht sogar schlimmer. Für Menschen, die immer noch Reflexe von Fluchttieren haben, löst das Panik aus. Eingezwängt in eine Ecke. Keine Möglichkeit zu entkommen.  

Wer 2008 in Aktien investiert hatte, konnte zuschauen, wie das DAX-Depot auf die Hälfte des Buchwerts zusammenschmolz. 2015 gab es kurz eine Willkommenskultur, nach Baseballschlägerjahren und brennenden Häusern mit Menschen, von denen die Angreifer sagten, sie gehörten hier nicht hin. 2021 spaltete ein Virus unsere Gesellschaft in Impfgegner und -befürworter. 2022 zerbrach die Friedensdividende von kleiner Bundeswehr und billigem Gas.  

Es geht mir jetzt nicht darum, wie diese Ereignisse bewertet werden (Schwer zu glauben, so viele Triggerpunkte, wie ich da angesprochen habe. Aber vertraut mir). Was sie verbindet: All diese Krisen zerschlugen Gewissheiten. Und zwar elementare. Corona machte Gemeinschaft zu einer Gefahr. Die Bankenkrise Geldanlage zum Roulette. Die Kriege in der Ukraine und dem Iran den Verbrenner zu einem Luxus. 

Gesellschaften brauchen beides: Stabilität und Wandel. Wandel stellt immer eine Herausforderung dar. Je mehr Menschen aber wissen, je mehr ihre persönliche Erfahrung ihnen sagt, "Wandel bringt auf lange Sicht Vorteile", desto eher akzeptieren sie Wandel.  

Deswegen sind – Achtung, steile These – weder Corona, die Wiedervereinigung noch eineinhalb Millionen Asylanträge in einem Jahr das Problem. Das Problem ist das Gefühl, in eine Ecke gepresst zu werden, ohne Alternative. Multiple Krisen mit multiplen Bedrohungen. Implodierte Hoffnungen. Goodbye blühende Landschaften, tiefenentspanntes Rentnerdasein, ewiges Leben meiner Gasheizung. Kurz: kein Glaube an einen Staat, der absolute Sicherheit schafft.  

In ruhigen Momenten werden die meisten sagen, ja, klar, absolute Sicherheit, die kann kein Staat schaffen. Aber Panik gibt es nicht mehr nur bei einzelnen, nicht mehr nur an den Rändern. Panik wuchert gerade überall. Das überrascht mich nicht. Was mich überrascht: die Verhärtung, das Schrille, das Lagerdenken.  

Wir gegen die. Überall. In verschiedenen Abstufungen, ja, aber überall. Überall werden Identitäten behauptet (geschlechtliche, nationale, religiöse usw.), die wieder Sicherheit versprechen. Aber das Glas ist kaputt und Scherben halten kein Wasser. Diese strengen, diese ausgrenzenden, diese sich als zutiefst bedroht fühlenden Identitäten haben Angst. Und verachten alle, die ihnen die Gründe für die Angst absprechen. Mit Recht. Mit Gründen. Aber keinen guten. Panik ist kein guter Ratgeber. 

Was wir brauchen: Gemeinsinn und Vertrauen. Hört sich banal an? Ja, das ist es auch. Ich weiß nicht, wie wir beide Grundfesten, die unabdingbar für das Funktionieren von Demokratien sind, wieder verstärken können. Was ich aber weiß: Es gibt Gründe, in Panik zu geraten. Und es gibt bessere, am nächsten Tag, in der nächsten Woche, wann auch immer, die Panik auf den Altpapierstapel unserer Gefühle zu legen. Und der erste Schritt dazu: dem Staat nicht alles anzukreiden. Wir sind mündige Bürgerinnen und Bürger in einer funktionierenden Demokratie. Zu deren Aufgaben aber gehört: uns eine Wahlmöglichkeit zu lassen. Mehr "Möglichkeitssinn" (Robert Musil) als TINA – there is no alternative (Margaret Thatcher).  

Die Krankheitsvertretung 
Martin Zeyn 

Meine tipps



Habt ihr schon nachgeschaut? Ob Opa oder Oma in der NSDAP waren? Und wenn ja, wann sie eingetreten sind? Einfach mit ein paar Klicks... 
Nur ist da wenig einfach. Welche Geschichte steckt hinter dem Parteieintritt? Wer war der nette Mann wirklich, der mich auf den Schoß genommen hat? Andrea Mühlberger hat auf Bayern 2 eine bewegende Diskussion geführt, zusammen mit zwei Menschen, deren Vater bzw. Großvater keine einfachen Parteigenossen, keine Mitläufer waren, sondern Verbrechen begangen haben: Alexandra Senfft und Andreas Bönte. Die einhellig am Ende davor gewarnt haben, sich unvorbereitet an die Aufarbeitung der NS-Familiengeschichte zu wagen. Weil es einen einsam machen kann in der eigenen Familie. Und weil einen das, was man findet, überfordern kann. 

 
"Ich kann das nicht mehr aushalten" – das sagte Florian Weber. Und dieses "Das", das war so groß, so übermächtig, so erdrückend, dass daneben die vollen Stadien, das große Geld, ja das ganze Bandprojekt "Sportfreunde Stiller" für ihn nicht mehr funktionierte. Auszeit. Jahrelang. Jetzt treten sie wieder zusammen auf. Das Vorher, das "DAS" und der lange Weg zurück, davon erzählen die drei Bandmitglieder in "Ikonen – Sportfreunde Stiller".  


Und jetzt doch noch mal das Krisenthema in spe: KI. Der Podcast über Sam Altman, Gründer von Open AI, ist großartig erzählt von Fritz Espenlaub. Eine Episode widmet sich dem Butler-Dschihad. So heißt im Sciencefiction "Dune" der Krieg der Menschen gegen KI und Roboter. Den hat die Menschheit gerade noch so eben gewonnen. Deswegen gibt es auf Dune keine Computer.  
Wie ich im Podcast erfahren habe, ist das eine Standardfrage gerade unter KI-Experten (Sind halt echte Party-Crasher so wie mein 19jähriges superernstes Ich): Wie weit sind wir noch vom Butler-Dschihad entfernt? Die Antworten haben mir kurz die Sprache verschlagen.  

Fast Food – Long Story in der Audiothek

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