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Feiernde bei der Fete de la Musique in paris  | Bild: picture alliance / NurPhoto | Jerome Gilles

Hallo zusammen,

ich bin ehrlich gesagt heilfroh, dass ich erst in dieser Woche wieder zum Newsletter-Zug komme. In der vergangenen war mein Gehirn nur drei Minuten nach der kalten Dusche im Stande, überhaupt klare Gedanken fassen zu können. Mein Kopf fühlte sich matschig an, ich schlief schlecht, war latent aggressiv. Ihr könnt euch sicher denken warum, schließlich hatte die Hitze in ihrer dystopischen Allumfasstheit schon fast das Niveau eines Corona-Lockdowns. Und heute fragt sich mein Journalisten-Ich schon wieder, ob das Thema Hitzewelle nicht bereits ein gestriges ist, ob wir am Erscheinungstag dieses Newsletters nicht schon wieder über ganz andere Dinge reden werden. Bis ich las, dass die nächste Hitzewelle möglicherweise schon Mitte des Monats über uns hereinbricht. 

Natürlich sind ein paar Tage schlechter Schlaf ein Witz gegen das, was etwa Menschen in nicht-klimatisierten deutschen Krankenhäusern, auf Baustellen oder in beengteren Wohnverhältnissen als meiner Dreizimmerwohnung aushalten mussten. Aber selbst in meiner verhältnismäßig privilegierten Lage musste ich beim Anblick des zubetonierten und brütend heißen Innenhofs an einen Satz des Kollegen Jonas Schaible denken, der anlässlich der Hitzewelle kürzlich schrieb: "Alles, was der Mensch geschaffen hat, hat er in einer Welt und für eine Welt geschaffen, die es nicht mehr gibt". Um hier mal den Bogen zum Überthema dieses Newsletters zu spannen: Ich glaube, das trifft auch auf sehr viele Orte zu, an denen Kultur stattfindet. 

In der vergangenen Woche musste das Fusion-Festival in Lärz wegen Brandgefahr pausieren. Das für 250000 Besucher geplante Kessel-Festival bei Stuttgart (was für ein Name in diesem Kontext!) wurde am zweiten Tag gleich ganz abgebrochen. Und im nordrhein-westfälischen Haltern wurde das "Sunset Beach Festival" abgesagt, da man aufgrund der Temperaturen nicht für die Sicherheit der 30.000 geplanten Gäste garantieren konnte. Dazu kamen bundesweit dutzende Straßen- und Gemeindefeste, Freiluft-Konzerte, CSD-Umzüge und andere Demonstrationen, die vor den Temperaturen kapitulierten. 

Diese Ausfälle lassen sich für Veranstalter, die bereits mit Förderungs-Kürzungen und höheren Kosten kalkulieren müssen, nur schwer ausgleichen. Jede Planung hat künftig etwas von einem Glücksspiel. Schließlich hätte das Klimakrisen-Extremwetter genauso gut in die andere Richtung kippen können, auch Starkregen und Stürme werden sich laut vieler Prognosen in den kommenden Jahren verstärken. Wer da zum Beispiel noch tausende latent dehydrierte Menschen auf einem Acker zelten lassen will, braucht Geld für die möglichen Ausfallkosten – oder eben ein teures Schatten-, Wasser- und Evakuierungskonzept. Und das haben natürlich, wenn überhaupt, eher die langweiligen Event-Großkonzerne.  

Solange unsere Städte dabei auch noch so betonversiegelt bleiben, wie sie es sind, wird das öffentliche Leben ärmer werden. Den Luxus eines kühlen Miteinanders hat man dann nur noch in Shopping Malls oder in Büros. Und vielleicht noch an exklusiveren Kultur-Orten mit funktionierender Klimaanlage. Ich habe vor ein paar Jahren mal von einer Aktivistengruppe in Athen gehört, die in Eigenregie Flächen entsiegelt und Innenhöfe in kühle Gärten verwandelt. Wenn die zweite Hitzewelle kommt, hole ich mir vielleicht einen Presslufthammer. 

Meine Empfehlungen der Woche

Kirchen sind Orte, die selbst bei hohen Temperaturen meistens noch angenehm kühl bleiben. Und sie stehen bekanntermaßen vielerorts leer und sind von Abriss bedroht. Obwohl sie eigentlich genau jene non-kommerziellen Treffpunkte bieten, die uns heute oft fehlen. In dieser arte-Dokumentation haben die Macher Kirchen in ganz Europa besucht, die neu erfunden wurden: Für Konzerte, Ausstellungen oder einfach als Treffpunkt zum Töpfern, Tischtennis-Spielen oder Essen. Die diesjährige Kunst-Manifest im Ruhrgebiet findet zum Beispiel ausschließlich in leerstehenden Kirchen statt.

Irgendwie habe ich das Gefühl, Paul Mescal noch nie in einer nicht-depressiven Rolle gesehen zu haben. Gleichzeitig sind viele dieser traurigen Mescal-Filme einfach ziemlich gut, "Aftersun" zum Beispiel, in dem er einen jungen Vater spielt, der (vielleicht den letzten) Sommerurlaub mit seiner Tochter verbringt. Zwischen Camcorder-Aufnahmen, Bezügen zum Leben der Regisseurin Charlotte Wells und der Frage, was die Ursache der Probleme des Vaters ist, bleibt vieles genau so verschwommen, wie Erinnerungen an längst vergangene Sommer. Den Film gibt es gerade in der 3sat-Mediathek. Leider nur synchronisiert, schade.

Und zum Schluss mal wieder Musik: Ich hatte hier neulich zum Thema "Musik in Cafés" schon mal kurz über die Techno-Wave-Punks Brutalismus 3000 geschrieben. Die haben in den Jahren nach ihren Ravetok-Anfängen ziemlich gut weiterentwickelt und sind in ihrer (sehr jungen) Altersgruppe mittlerweile der erfolgreichste deutsche Pop-Export. Das Duo hat mit "Harmony" gerade ein neues Album veröffentlicht. Den Albumtitel man wohl nur ironisch verstehen, es wird weiterhin alles verzerrt, übersteuert, und gegen das System angeschrien. Cafémusik findet sich auf "Harmony" also nicht, dafür kann man Tracks wie "No Friends In The Company" sicher ziemlich gut hören, wenn man gerade einen Innenhof entsiegelt.

Bis nächste Woche!

Ein Emoji wird von einem Greifarm gehalten | Bild:  BR/Simon Heimbuchner

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