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während der Pandemie bin ich, es ist mir heute etwas peinlich, für kurze Zeit haarscharf am Crypto-Bro-Dasein vorbeigeschlittert. Es war die Hochphase der sogenannten NFTs, einer Art digitalem Beipackzettel, der Dateien eine Art Besitzer- und Knappheitsnachweis beifügen sollte. Ich fand den Gedanken interessant, dass sich mit dieser Technologie vielleicht die Macht von Plattformen wie Spotify brechen ließe, weil mit den NFTs jeder Künstler – ohne Umweg über Plattformen, Labels oder Galeristen - selbst Geld verdienen können würde.
Der NFT-Markt war am Ende in großen Teilen ein von Scams und Monopolen geprägtes Desaster, aber dazu vielleicht ein andermal. NFTs wurden mit Kryptowährungen bezahlt, weswegen ich mich auch mit dieser Technologie beschäftigte – und trotz einer gewissen Skepsis versuchte, ein bisschen die Faszination an Bitcoin und Co. nachzuvollziehen.
Ein zentraler Aspekt der Krypto-Denke ist der Traum von einer "trustless society", einer Gesellschaft also, die das zwischenmenschliche Vertrauen überflüssig machen würde. An die Stelle des Vertrauens sollen automatisierte Verträge treten, unkorrumpierbare Daten und Kennziffern. Ein Gedanke, den ich schon damals wahnsinnig unsympathisch fand. Warum erzähle ich das alles? Ich habe in den vergangenen Wochen das Gefühl, dass sich dieses Ideal einer Gesellschaft ohne Vertrauen weiter ausbreitet. Oder, um genauer zu sein, eine Vorstufe davon: die Gesellschaft des allgegenwärtigen Misstrauens.
Ein Aspekt dieser Misstrauens-Gesellschaft ist, dass wir mittlerweile in der digitalen Kommunikation oft nicht mehr sicher sein können, ob wir gerade wirklich mit einem Menschen reden. Oder ob die Worte, die wir lesen oder hören, wirklich von diesem Menschen stammen. Kürzlich erzählte mir ein Bekannter, dass er im WhatsApp-Streit mit einer Bekannten plötzlich in Minutenabständen ellenlange Antworten mit Beziehungsanalysen erhielt. Er vermutete, dass sie ihm einfach in den Chat kopierte, was ihr ein Bot als Antwort auf seine Argumente vorgeschlagen hatte. Ähnlich erging es mir neulich im journalistischen Mail-Austausch mit einem Experten. Auf eine Detailfrage zum Asylrecht in Bulgarien erhielt ich innerhalb von drei Minuten eine seitenlange Antwort inklusive Verweise auf angebliche Paragrafen und Grundsatzurteile. Anstatt der eigenen Expertise zu vertrauen, hatte der Experte meine Frage offenbar an einen KI-Bot weitergereicht. Vermutete ich zumindest. Mein Vertrauen war jedenfalls dahin.
Das Misstrauen spüre ich aktuell aber besonders von oben: Das gerade beschlossene Reformpaket zeugt für mich von einem Argwohn der Bundesregierung gegenüber den vermeintlich arbeitsscheuen, betrügerischen Bürgern. Die sollen sich künftig ab dem ersten Krankheitstag zum Arzt schleppen, der in der Phantasiewelt der Reformfreunde dann so etwas sagt wie: "Moment mal, so richtig krank sind sie ja gar nicht, nun aber mal husch-husch zur Arbeit!"
Auch bei der allgegenwärtigen Sparerei in der Sozialpolitik oder den Kürzungen von Fördergeldern schwingt stets ein Misstrauen mit. Gegenüber Leistungsbeziehern und ihrem angeblich serienmäßigen Betrug; gegenüber Demokratieinitiativen, die künftig erst vom Verfassungsschutz durchleuchtet werden, bevor sie Mittel bekommen. Gegenüber Buchhandlungen, die der Kulturstaatsminister wegen ein paar provokanter Slogans direkt als Extremisten betitelt. Oder gegenüber Kulturzentren, die seit Jahren das interkulturelle Leben in München bereichern. Nur um dann plötzlich infrage gestellt zu werden, weil sie nicht jeden Act auf seine Likes und Social-Media-Beiträge zum Thema Palästina durchleuchten.
Über all dem Misstrauen schwebt die Vision einer Gesellschaft, in der jedes Fehlverhalten, jeder ausgegebene Euro und jedes gesprochene Wort erfasst und evaluiert wird: Wie viel Geld haben wir reingegeben, und wie viel Mehrwert kommt hinten raus? Ist der Mehrwert hundertprozentig rein oder gibt es da etwa einen Hauch abweichender Meinungsbildung? Und sollten wir in Streitfällen gar erst nachschauen, ob ein Bot mir recht gibt oder dir?
Diese vertrauensfreie Gesellschaft, die nur noch von Eindeutigkeiten und vermeintlich neutralen Daten bestimmt wird, gibt es aber nicht. Erst recht nicht auf demokratischem Wege. Der Wert der Arbeit, den unabhängige Buchhandlungen, Demokratieprojekte oder alternative Kulturorte darstellen, lässt sich nicht nach Effizienzkriterien beziffern. Und wer das Vertrauen seines Gegenübers bewahren will, sollte Beziehungs-Streitigkeiten oder bulgarische Fachexpertise nicht an Bots auslagern. Das Newsletter-Schreiben natürlich auch nicht.
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