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Junge auf Leiter vor Wolkenhimmel | Bild: Unsplash

Hallo zusammen,

in meinem Viertel in München steht seit einiger Zeit eine blau-weiße Kamerasäule. Eigentlich sollte sie die Drogenkriminalität in der Schillerstraße im Bahnhofsviertel eindämmen. Wie das bei Überwachungskameras aber sehr oft passiert, sind Dealer und Kundschaft längst ein paar Straßen weitergezogen. Genau wie sie vorher vom Alten Botanischen Garten in die Schillerstraße gewandert sind. Auch wenn die Behörden vielleicht zielgerichtetere Maßnahmen in ihrem Repertoire haben: Besser lässt sich der Ansatz, Probleme lieber zu verlagern, anstatt sie zu lösen, kaum beschreiben. 

Meine persönliche Verschwörungstheorie ist folgende: Die Bekämpfung von Dealern und die Wanderbewegungen ihrer Kundschaft sind nur ein Mittel zum Zweck, um Block für Block in der gesamten Stadt Kameras anzubringen. Zusätzlich hat die Bundesregierung erst am vergangenen Freitag den Einsatz KI-gestützter Kameras an Bahnhöfen beschlossen, die automatisch Gesichter und "gefährliche Bewegungen" erkennen sollen. Der Staat erfasst dabei aber natürlich nicht nur die Gesichter und Bewegungen von Verdächtigen, sondern von uns allen. Was mich aber fast noch mehr verzweifeln lässt, ist eine andere, perfidere Form von Kamera-Überwachung. Für deren Aufbau braucht es nicht einmal mehr den Staat oder die Polizei, sondern nur uns selbst. Und im Gegensatz zu den blau-weißen Säulen wissen viele nicht einmal, dass sich die Kameras perfekt zur Überwachung eignen.  

Was hierzulande nämlich noch völlig unterschätzt wird, ist die Überwachung durch Kameras, die gar nicht erst von Behörden angebracht werden müssen: Was zum Beispiel, wenn auch in Deutschland bald tausende autonome Taxis herumfahren, die mit dutzenden Kameras ausgestattet sind? Wenn jede zweite Haustür Gesichter erkennt? Oder wenn im Café Menschen sitzen, deren "smarte" Brillen permanent das Geschehen aufzeichnen?
 
Führen wir das mal ein bisschen aus: In Städten wie San Francisco sind bereits große Flotten autonomer Taxis der Firma Waymo unterwegs, je nach Modell ausgestattet mit zwischen 13 und 29 Kameras. Klar, die Kameras helfen den Autos, autonom durch den Straßenverkehr zu navigieren. Das ändert aber nichts daran, dass sie "on the fly" jeden Menschen filmen, den sie passieren. Jeder, der in ein solches Taxi steigt, bezahlt somit eine kleine Überwachungstour. Waymos Google-Mutterkonzern Alphabet hat bereits bestätigt, dass es die Kameraaufnahmen auch an die Polizei weitergibt. Wie das aussieht, kann man sich etwa hier anschauen. 

Auch die Türkameras der Amazon-Tochter Ring, die auch in Deutschland an vielen Eingängen hängen, wurden in den USA bereits von den Behörden eingesetzt, um Demonstrationen zu überwachen. Neuerdings sind die Türkameras auch noch mit Gesichtserkennung ausgestattet, was sich in der Firmen-PR folgendermaßen liest: "Mit der Zeit lernt deine Kamera, Freunde, Familienmitglieder und regelmäßige Besucher zu identifizieren." Bei derlei Technologien muss man sich immer fragen: Was könnte ein autoritäres System damit anstellen? Im Falle der Türkameras kann man dann etwa nur hoffen, dass keiner der Besucher gerade auf einer Liste für Abschiebungen steht oder an einer unerwünschten Demonstration teilgenommen hat.

Was unser Leben aber endgültig in eine selbst für George Orwell unvorstellbare Überwachungs-Dystopie verwandeln könnte, sind "smarte" Brillen mit integrierter Mini-Kamera vom Facebook-Konzern Meta. Mit ihnen wird jeder Träger zur wandelnden Kamerasäule. Die Brillen stehen gerade völlig zu Recht in der Kritik, weil sie es etwa Männern ermöglichen, unauffällig Frauen im Freibad zu filmen. Meta beteuert zwar, diese Art des Spanner-Filmens mit Updates an den Geräten zu erschweren. Gleichzeitig aber arbeitet die Firma offenbar an einem neuen Modus, in dem die Brille vollautomatisch alle paar Sekunden ein Foto schießt und zur KI-Verarbeitung auf einen Meta-Server schickt. Wer die Brille trägt und durch die Straßen läuft, sammelt so permanent Material für die Meta-Server, größtenteils natürlich von völlig Unbeteiligten. 

Was mit derlei Aufnahmen passiert, hat vor ein paar Monaten die schwedische Zeitung "Svenska Dagbladet" enthüllt: Kenianische Mitarbeiter eines mit Meta kooperierenden Unternehmens berichteten davon, dass sie hunderte Bilder und Videos von nackten Menschen oder Leuten auf dem WC analysieren mussten. Die Aufnahmen stammten dabei offenbar nicht (nur?) von perversen Voyeuren, sondern auch von Meta-Brillenträgern, die schlicht nicht wussten, dass sich ihre Kamera beim Toilettengang gerade im Aufnahmemodus befand.   

Den Deutschen muss man zugute halten, dass sie sich dank ihrer Geschichte und trotz der derzeitigen "Sicherheits"-Obsession eine Sensibilität gegenüber Überwachungstechnologien bewahrt haben, zumindest gegenüber den staatlichen Varianten. Fantasien der totalen Kontrolle begegnet die Zivilgesellschaft auch weiterhin mit Verweisen auf das Bentham-Foucaultsche Panopticon, dessen permanente Überwachung nicht mit einer Demokratie vereinbar sein könne. In diesem Modell eines perfekten Gefängnisses sitzt ein Wächter in einem Turm und kann jede Zelle einsehen, ohne selbst beobachtet zu werden. Die Insassen, im übertragenen Sinne also die Bürger, passen ihr Verhalten entsprechend an. Dass sie den Wächter eines Tages selbst auf der Nasenspitze tragen könnten, war damals noch unvorstellbar.

Meine Empfehlungen der Woche

Zunächst ein kleiner Nachtrag zum Newsletter von vergangener Woche zum Thema (KI-)Misstrauen. Der Literaturwissenschaftler Johannes Franzen in seinem Feld ganz ähnliche Tendenzen bemerkt, er spricht von einer um sich greifenden "KI-Paranoia", die hinter jedem Text einen Chatbot vermutet. Meine Kollegin Marie Schoeß hat mit ihm eine hörenswerte Diskussion geführt.

Ich bin weiß Gott kein Fan von Richard David Precht und seinen immer etwas zu gefühlt wirkenden Wahrheiten. In seinem ZDF-Podcast mit Markus Lanz war allerdings neulich der Investigativ-Journalist Christian Schweppe zu Gast, der sich für ein Buchprojekt mit der deutschen Aufrüstung befasst hat. Was er über die Goldgräberstimmung in der Rüstungsindustrie und die Wege der "Whatever it takes"-Investitionen des Verteidigungsministeriums erzählt, lässt einen noch einmal ganz anders über die parallelen Einsparungen in den Bereichen Kultur, Bildung oder Sozialstaat nachdenken. Die weniger informierten Eingangsgedanken der beiden Moderatoren kann man skippen und direkt beim Gespräch ab Minute 18 einsteigen.

Manchmal stoße ich auf Musik, die erstmal von vorne bis hinten Gen-Z-coded wirkt und bei mir eine instinktive "für sowas bist du zu alt"-Abwehr auslöst. "Ohne Ende" von Levin Liam ist so ein Song. Noch dazu ist der ein singender Schauspieler, was in 99% der Fälle nichts Gutes bedeuten kann. Und dann beim zweiten Hören merke ich, dass darin irgendwas steckt, was mich - kann man das mit 38 schon sagen? - tatsächlich an sowas wie meine eigene Jugend erinnert. Und plötzlich habe ich das Lied fünfmal hintereinander gehört und wünsche jedem 20-Jährigen, dass das sein Sommerhit sein möge.

Und noch ein letzter Tipp, vielleicht etwas altersgruppen-gemäßer: Am Samstag findet in München ein großer Plattenflohmarkt auf dem Platz vor der Kongresshalle statt, los geht es sehr ausschlaffreundlich um 14 Uhr.

Nächste Woche ist Miriam dran, bis dann!


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