|
an Sommertagen wie diesen war es lange mein guilty pleasure, selbst für kurze Strecken einen Elektroroller zu mieten. Ich meine nicht die langsamen Teenager-Scooter, sondern diese, ich nenne sie mal E-Vespas. Die beschleunigen so schnell, dass man an der Kreuzung für ein paar Meter jeden Sportwagen abziehen kann, um dann vor ihnen mit 45 km/h dahinzudümpeln. Umweltfreundlicher sind natürlich immer die Öffentlichen, aber als diese Roller eingeführt wurden, war eine Fahrt günstiger als ein MVG-Ticket für die gleiche Strecke. Außerdem hatte ich oft meine Freundin hinter mir sitzen, wir hatten also gleich doppelt gespart. Wir rasten die Isar entlang und fühlten uns wie in Süditalien.
Bei meinem letzten Roller-Ausflug in diesem Jahr war dieses Gefühl leider weg. Ein erster Roller sprang nicht an, der zweite gab mitten auf der Ludwigstraße den Geist auf. Unter dem Gehupe der anderen Autos stellte ich den Roller am Straßenrand ab und eilte schwitzend zu Fuß weiter. Später sah ich, dass meine gescheiterte Fahrt mich über zehn Euro gekostet hatte. Und irgendwie kam mir diese Kombination aus schlechterer Leistung und höheren Preisen bekannt vor.
Denn was sich hier abspielt, ist ein Unternehmensmodell, das gerade nicht nur im Scooter-Bereich kippt: Das sogenannte Audience-Capture-Prinzip. Ein Produkt ist dank hoher Vorschuss-Investitionen erst einmal kostenlos (oder zumindest unschlagbar günstig) und bietet tolle Sachen an, um eine Kundenbasis zu gewinnen. Die Idee ist, dass die Roller, das Streaming-Abo oder der Essenslieferant zum selbstverständlichen Teil des Alltags dieser Kunden werden, auch wenn das Unternehmen selbst damit erst einmal Verluste macht. Und dass man dann nach ein paar Jahren, ganz unauffällig, die Preise anziehen kann, während das Produkt selbst vor sich hingammelt wie die lädierten Roller. Die Hoffnung dabei: Die Nutzer sind mittlerweile so an das Produkt gewöhnt, dass sie sich von höheren Preisen, mieserem Angebot, Werbung oder dem Absaugen privater Daten nicht abschrecken lassen – und brav dabei bleiben.
Ist das jetzt ein Business-Newsletter, fragt ihr euch vielleicht? Nicht wirklich, die ganze Audience-Capture-Misere zeigt sich nämlich gerade ganz besonders bei einem Unternehmen, das vor nicht allzu langer Zeit noch als Retter der Film- und Serienkultur galt: Netflix. Und ich glaube, dass wir gerade live und auf besonders beeindruckende Art miterleben, wie das Audience-Capture-Modell vor die Hunde geht.
Bei Netflix wurden vor zwei Wochen Quartalszahlen vorgestellt, die viele Anleger enttäuschten. Der Kurs der Netflix-Aktie brach daraufhin weiter ein, in den vergangenen Monaten hatte sie bereits über 40 Prozent ihres Werts verloren. Die Skepsis der Anleger durfte auch damit zu tun haben, dass Netflix plötzlich keine Angaben mehr über Nutzerzahlen machte. Das soll künftig nur noch einmal im Jahr passieren.
Der Kulturkritiker Ted Gioia ist in diesem lesenswerten Newsletter eingesprungen und hat selbst ein paar Zahlen zusammengetragen. Und hier wird schon ganz deutlich, warum Netflix seine Daten nicht stolz herumzeigt. Besonders beeindruckend fand ich eine Grafik, laut der sich das Netflix-Publikum immer seltener für die zweiten Staffeln von Erfolgen wie "Running Point" oder "Beef" interessiert. Gerade bei "Beef" erreichte die zweite Staffel in der Startphase nicht einmal ein Drittel der Aufmerksamkeit der ersten Staffel.
Auch ich habe die erste Staffel von "Beef" eigentlich ganz gerne gesehen, hätte die Serie aber danach völlig vergessen, wäre sie nicht in dieser Grafik aufgetaucht. Überhaupt kein Vergleich zum goldenen Netflix-Zeitalter vor gefühlt 50 Jahren (ok, es war 2013), in dem ich mir das Wochenende freigehalten habe, um eine neue Staffel von "House of Cards" wegzuatmen.
Das letzte, was ich auf Netflix gemacht habe, war ein einigermaßen leidenschaftsloses Nebenherschauen alter "The Office"-Folgen, unterbrochen von Werbung. Nicht unbedingt ein unverzichtbarer Teil meines Alltags. Dazu kommt, dass Netflix-Co-Chef Ted Sarandos bei der Quartalskonferenz verkündete, dass bereits bei 300 Netflix-Titeln KI zum Einsatz gekommen sei. Dass ich da nicht jubelnd mein Abo verlängere, können sich viele Leser dieses Newsletters vielleicht denken.
"Das ist das Ende von XY"-Schlagzeilen liegen mir eigentlich fern. Das "Ende von Social Media" wird zum Beispiel seit zehn Jahren immer wieder aufs Neue verkündet. Aber bei Netflix frage ich mich tatsächlich, wie es weitergehen soll. Die Antwort von Netflix lautet: Mehr Werbeeinnahmen, Live-Übertragungen und ein Ausbau des Gaming-Bereichs sollen angeblich neue Einnahmen bringen. Von letzterem habe ich noch nie etwas mitbekommen. Mit Netflix könnte es am Ende so laufen, wie mit vielen digitalen Plattformen, die irgendwann mal revolutionär angefangen haben. Um die Leute bei der Stange zu halten, werden sie zur Plattform für alles und nichts. Als Nutzer werde ich das allerdings nicht mehr erleben. Mein Abo ist seit ein paar Wochen Geschichte.
Bei Soft Power müssen wir unsere Abonnenten Gott sei Dank nicht bis auf den letzten Cent ausquetschen. Und wir wollen natürlich, dass es hier auch weiterhin ausgeruhte Gedanken statt KI-Slop-Stakkato gibt. Deswegen erlauben wir uns etwas, das sich im "Flooding the zone"-Zeitalter geradezu archaisch anfühlt: Wir machen eine Sommerpause! Und zwar exakt für die Länge der großen Ferien, im September melden wir uns dann wieder, noch schöner und besser (und weiterhin kostenlos natürlich). Miriam hat ja bereits in der vergangenen Woche ein paar Buch-Lesetipps für den Sommer gegeben, ich füge nun noch ein paar Newsletter-Konkurrenten hinzu, auf die ihr in den "Soft-Power"-freien Wochen ausweichen könnt.
|