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Zerbrochene Tasse mit "Soft Power"-Logo | Bild: BR

Hallo zusammen,

in der Social-Media-Aufreger-Zeitrechnung ist der Satz schon gefühlt drei Jahre alt, aber mir geht gerade trotzdem nicht aus dem Kopf, was Markus Lanz vor zwei Wochen beim Deutschen Fernsehpreis gesagt hat: "Fürchtet euch nicht! Was jetzt kaputtgeht, bauen wir irgendwann ganz lässig einfach wieder auf." Ein paar Tage vorher war die rechtsextreme AfD in Sachsen-Anhalt mit Abstand zu stärksten Fraktion gewählt worden.

Die wohl irgendwie gut gemeinten Worte von Lanz wurden natürlich kritisiert. Dass Lanz als Millionär mit Südtiroler Wurzeln bezüglich der AfD wohl nicht allzu viel zu befürchten hat, versteht sich eigentlich von selbst. Interessanter fand ich aber seine Vorstellung des Einfach-mal-Wiederaufbauens. Weil ich glaube, dass diese "Das wird schon wieder"-Haltung insgeheim von sehr Vielen geteilt wird. Und weil sie mir auch aus anderen Kontexten bekannt vorkommt. Genauer gesagt: Ich habe das Gefühl, dass uns das Bewusstsein dafür abhanden gekommen ist, dass Dinge endgültig kaputtgehen können.

Ich könnte hier mal bei einem völlig banalen Beispiel anfangen: Ich habe vor kurzem versucht, die Simkarte aus meinem schon etwas betagten Smartphone zu fummeln. Dazu muss ich eine Nadel in eine Öffnung neben dem Simkartenslot rammen, bis dieser sich irgendwann löst. Das Problem fängt schon damit an, dass man dafür eigentlich keine Nadel, sondern ein spezielles Metallteil braucht, das ich natürlich längst verloren habe. Ich rammte also die Nadel immer fester in die Öffnung, schlug irgendwann das Handy inklusive Nadel auf den Tisch und hoffte darauf, dass der Mechanismus nachgeben würde.

Stattdessen flog mir plötzlich ein Stück Metall ins Gesicht. Die Nadel war abgebrochen, ein kleiner unerreichbarer Rest steckte noch im Loch fest. Und dieses Loch war das Mikrofon meines Smartphones, ich hatte das falsche erwischt. Telefonieren war nun so gut wie unmöglich. Ich versuchte, den Nadelrest mit einer Pinzette wieder aus dem Loch zu bekommen, chancenlos. Ich verfluchte die Smartphonefirma für ihre vermeintliche Fehlkonstruktion und die Pinzettenhersteller, die sich nicht auf mikroskopisch kleine Öffnungen spezialisiert hatten. Ich fragte mich natürlich auch, warum ich nicht besser aufgepasst hatte. Aber hauptsächlich dachte ich mir immer wieder: Es kann doch einfach nicht sein, dass das jetzt wirklich kaputt ist? 

Und hier fängt eine gar nicht mal so weit hergeholte Gemeinsamkeit mit Markus Lanz an, glaube ich. Bis es so weit war, hätte ich mir tatsächlich nicht vorstellen können, dass ich gerade dabei bin, mein Smartphone zu zerstören. Auch in meinem Leben kommt es so gut wie nie vor, dass Dinge endgültig kaputtgehen. Vielleicht hat das damit zu tun, dass ich es aus meinem Arbeitskontext des Schreibens gewohnt bin, dass ich ein Dokument immer zwischenspeichern und später ändern kann. Jeder Rechtschreibfehler lässt sich ausbessern, jeder schlechte Texteinstieg noch durch einen guten Redakteur retten. Mein Haushalt besteht größtenteils aus Dingen, die sich entweder reparieren lassen oder so billig sind, dass ich sie einfach neu kaufen kann.

Auch die Allgegenwart des Digitalen hat dazu geführt, dass Endgültigkeiten aus unserem Leben verschwinden. Abschiede von Freunden oder Verwandten zum Beispiel, die am anderen Ende der Welt leben, sind längst nicht mehr so final wie früher. Keine zehn Minuten, nachdem man sich getrennt hat, kommt schließlich meist schon eine Nachricht: "Ich sitze jetzt im Zug, war schön, bis hoffentlich bald." Und auch wer zufällig alte Bekanntschaften wiedertrifft, kann sich nach ein paar Minuten Smalltalk auch wieder verabschieden, man kann sich ja einfach auf Instagram schreiben und "ganz bald mal auf einen Kaffee treffen".

Hier direkt zum Zustand unserer Demokratie überzuleiten, mag etwas vermessen klingen. Aber es ist nicht unwahrscheinlich, dass wir uns in ein paar Jahren fragen, was wir da eigentlich gemacht haben, als uns die Wahl in Sachsen-Anhalt schon nach einer Woche wieder relativ egal war. Weil das Bundesland ja nur 2,1 Millionen Einwohner hat oder die Ostdeutschen ja eh ein bisschen eigen sind. Weil wir dachten, dass eine AfD nichts ausrichten kann, bis sie tatsächlich regiert. Und das würde die Brandmauer doch bestimmt verhindern, oder?

Währenddessen bröckelt diese langsam aber hörbar vor sich hin. Und der Nicht-AfD-Innenminister Dobrindt handelt bereits in einer Mischung aus vorauseilendem Gehorsam und eigener Grundüberzeugung: Er will schon in diesem Herbst tausenden Syrern und Afghanen in Deutschland den Schutzstatus entziehen. Damit wären sie schon bald zur Ausreise in die dortigen Islamistenregime gezwungen, mit denen die Bundesregierung gerade neue Kontakte knüpft.

Ich hatte vor einigen Jahren Kontakt zu einem Afghanen. Er war Anfang 20, lebte damals seit fünf Jahren in der Nähe von Landshut und sprach Deutsch mit niederbayerischem Akzent. Er hatte einen unbefristeten Arbeitsvertrag bei einem Bauunternehmen, bezeichnete seinen Chef als seinen "Ersatz-Vater" und kickte im örtlichen Fußballverein, bis er eines Tages mit einem vom damaligen Innenminister Seehofer begrüßten Charterflug per Sammelabschiebung in Kabul landete.

Wir telefonierten noch ein paar Mal, er hatte es nach der Abschiebung auf der Flucht vor den Taliban nach Pakistan geschafft. Dann wechselte er wohl die Handynummer, die Spur verlor sich. Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie es ihm heute geht. Wiederaufbauen lässt sich hier wenig, sein Leben war von einem Tag auf den anderen ruiniert.

Wir wachsen heutzutage auf mit der Vorstellung, dass wir aus Fehlern lernen, dass aus einem Scheitern immer eine Chance erwachsen kann. Aufstehen, weitermachen, solche Sprüche. Ein solches Leben ist allerdings ein Luxus. Markus Lanz kann so ein Leben führen, ich auch. Wir können "die Lage" beobachten, Verständnis für politische Maßnahmen aufbringen, die wir dann vielleicht unter "hart" oder "scharf" einordnen. Wenn es uns dann eventuell doch zu ungemütlich wird, reden wir beim Bier darüber, wo auf der Welt es sonst noch schön zum Leben wäre. Mal gucken, ist Portugal immer noch so günstig?

Für andere ist Politik kein Debatten-Schauspiel, kein Anlass für Goodbye-Germany-Denkspiele, sondern eine Realität, die ihr Leben zerstören kann. Oder sogar ein ganzes Land. Und wenn wir nicht mehr damit umgehen können, dass Dinge tatsächlich kaputtgehen können - merken wir dann vielleicht auch nicht mehr, wenn sie es bereits sind?

Meine Empfehlungen der Woche

Ich meckere, auch in diesem Newsletter, viel über Tech-Konzerne und die dystopischen Ideen ihrer Gründer. Das Buch "Digitale Solidarität" von Aline Blankertz und Malte Engeler ist der Versuch, letzteren einen besseren Entwurf entgegenzusetzen und Technologien danach zu beurteilen, ob sie den Menschen an sich dienen - oder doch nur ein Klassenkampf mit neuen Mitteln sind. Der Analyse-Teil des Buches ist eine gute Übersicht über die vielen Aspekte der Tech-Debatte, hat dabei allerdings noch einen etwas humorlosen, oft im Diffusen verharrenden Ton. Die später beschriebenen Ideen, zum Beispiel eine Vergesellschaftung der Plattformen Doctolib oder Immobilienscout, sind dann aber schön konkrete Beispiele dafür, wie Digitalisierung sich anders organisieren ließe.

Ich bin außerdem mal wieder über ein Plattenlabel gestolpert, das sämtliche Pop-ist-vorbei-Pessimisten ignoriert und ohne viel Tamtam interessante Sachen veröffentlicht. Es heißt "Fractal Meat", kommt aus Großbritannien, wo experimentelle Musik es irgendwie immer schafft, diese ganz spezielle "Regen an der Steilküste"-Melancholie in ihre Songs einzubetten. Fractal Meat hat auch eine eigene NTS-Radioshow, die irgendwo zwischen "kann man gut nebenbei hören" und "oha, jetzt wird's aber richtig stressig" oszilliert.

Mein nächster Tipp hat den (etwas uninspirierten) Titel "Souleymans Geschichte", ist aber ein sehr guter Film mit dokumentarischer Note. Er handelt von einem gleichnamigen guineischen Fahrradlieferanten in Paris. Der ist ohne Papiere in Frankreich, ihm bleiben nur 48 Stunden Zeit bis zur Verhandlung seines Asylantrags. Ich will nicht allzu viel spoilern, aber: in diesen 48 Stunden geht so ziemlich alles schief, was im Leben eines solchen in ständiger Improvisation lebenden Menschen schiefgehen kann.

Bis nächste Woche!

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