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einer der beliebtesten Mecker-Kommentare unter Artikeln über weibliche Pop-Acts ist seit Jahrzehnten folgender: "Nie gehört, muss man die kennen?". Der Kommentator hat dabei seinen eigenen Horizont als einzig wahre Relevanz-Messlatte identifiziert, was natürlich mehr über ihn selbst als über die vermeintlich unbedeutende Künstlerin aussagt.
Mittlerweile ist es aber so, dass selbst uns Journalisten ständig Superstars über den Weg laufen, von denen wir noch nie gehört haben. Der Grund: Es gibt längst keine Pop-Monokultur mehr, jede Blase hat ihre eigenen Idole. Radio hört man höchstens noch im Auto, MTV ist tot, die Spotify-Jahrescharts sehen bei jedem anders aus – und nicht einmal auf dem Oktoberfest gibt es einen wahrnehmbaren Jahres-Hit (habe ich mir sagen lassen). Wie also soll ein Verständnis darüber entstehen, wer gerade der neue Weltstar ist? Mal abgesehen von seit Jahrzehnten etablierten Künstlern wie Beyoncé, Taylor Swift oder Harry Styles?
Trotz dieser viel beweinten Fragmentierung unserer Gesellschaft, den fehlenden Lagerfeuern und Gemeinschaftsmomenten könnte man aber doch zumindest erwarten, dass ein Mensch wie ich, der sich qua Beruf mit Popmusik auseinandersetzt, den erfolgreichsten Song aller Zeiten kennt, oder? Insofern war ich ziemlich überrascht, als mir dieser Text im Rolling Stone mit dem Titel "Was manche Leute meinen, wenn sie sagen, dass sie noch nie 'Choosin' Texas' gehört haben" über den Weg lief.
Die Autorin schreibt darin über den Country-Song "Choosin’ Texas" von Ella Langley, der sich seit bald 24 Wochen auf Platz 1 der US-Charts festgesetzt hat, länger als jeder andere Song zuvor. Wer angesichts dieses Rekords von sich selbst behaupte, dass er "Choosin’ Texas" nicht kenne, könne nur lügen, meint die Autorin. Er wolle sich performativ "von den Geschmäckern, Charakteristiken und Menschen der Arbeiterklasse" abheben und gleichzeitig seine Distanz zu allem ausdrücken, was "mit ländlichen oder Südstaaten-Stereotypen" zu tun haben könnte.
Ich kannte "Choosin’ Texas" tatsächlich nicht, wollte diese Vorwürfe aber natürlich nicht auf mir sitzen lassen. Erstmal stellte ich fest, dass der Song in den deutschen Charts (bisher!) keine Rolle spielt, dann hörte ich ihn mir erst einmal an. Ich würde behaupten, dass ich kein Country-Hasser bin, aber das Lied ist beim ersten Hören tatsächlich eine relativ unspektakuläre Breakup-Nummer. Langley klagt darin darüber, dass ihr Freund seine Liebe zu Texas und einer dortigen Frau nicht aufgeben kann. Im zugehörigen Musikvideo sehen wir entsprechende Cowboys und eine traurige Langley, die sehr viel Jack Daniel's trinken und ihre Westernstiefel-Marke in die Kamera halten muss, wodurch eher das Feeling eines langen Werbespots entsteht.
Das Interessante an "Choosin’ Texas" ist aber nun, dass das Nicht-Kennen des Songs in den vergangenen Tagen schon fast zu einem Meme geworden ist. Ich dachte, mein eigenes Nicht-Kennen hätte eventuell mit meiner geografischen Distanz zu Texas zu tun, Country hat hierzulande einen schweren Stand. Doch auch in Großbritannien stand der Song schon auf Platz 1, in den meisten anderen englischsprachigen Ländern auch. Und trotzdem fragen sich Menschen im gesamten Internet, wie "Choosin’ Texas" so erfolgreich sein kann, ohne dass sie den Song jemals gehört hatten. Die meisten bezogen sich dabei auf den erwähnten Rolling-Stone-Text. Sie "entschuldigten" sich etwa dadurch, dass sie wohl "zu schwarz" seien, um einen solchen Country-Song zu kennen. Oder sie philosophierten, ob der US-Präsident persönlich wohl bald verkünden würde, dass er den Song auch noch nie gehört habe.
Der Song erreichte mich und offenbar tausende andere also allein über diesen Meta-Diskurs, der wiederum erst fast ein Jahr nach dessen Veröffentlichung in Gang gekommen ist. Wie kann das sein? Der von mir hier bereits einmal empfohlene Newsletter Garbage Day hat versucht, sich die ganze Sache zu erklären – kommt aber trotz intensiver Chartverlauf-Analysen nicht so ganz auf den einen Grund, warum sich "Choosin’ Texas" wie ein Hit anfühlt, der keiner ist.
Waren es also irgendwelche Klickfarmen in den Südstaaten, die dem Song die Streamingzahlen verschafft haben? War es der Kauf von TikTok durch den Trump-nahen Unternehmer Larry Ellison, der den - in seiner Ästhetik wohl eher MAGA-freundlichen - Song künstlich nach oben beförderte? Oder sind die anderen Verwirrten und ich doch nur Teil einer woken Elite, die am einzig wahren Massengeschmack vorbeihört?
Mein nüchternster Erklärungsversuch ist folgender: Vielleicht lassen sich heutige Chartplatzierungen und deren Verweildauer, die sich beide zum Großteil aus Streams speisen, einfach nicht mit denen früherer Hits vergleichen. Denn früher kaufte man sich einen Song auf Platte oder CD genau einmal. Heute streamen Menschen die Songs immer wieder, wochen-, monate- oder auch jahrelang. Oft tun sie das sogar unbewusst, weil der jeweilige Song von den Plattenfirmen in verschiedenen Playlists platziert wurde.
Wer diese Playlists abonniert hat, ist im Zweifel ein leidenschaftsloser Kollateral-Hörer, der trotzdem in die Statistik eingeht. Auch früher flossen Radio-Airplays in Chart-Statistiken ein, heute ist das Gewicht der Passivhörer aber deutlich größer. Ein Song kann so theoretisch Millionen von Streams haben, ohne dass auch nur ein Mensch sagen würde: "Den Song kenne ich, ich liebe ihn!"
Ein Teil der Antwort auf die Frage, warum "Choosin’ Texas" ein Rekord-Hit ist, den wenige Leute kennen, ist also vielleicht auch: Pop ist uns allen ein bisschen egal geworden. Er passiert mittlerweile oft nebenbei, man bemerkt ihn gar nicht. Andererseits habe ich nun doch einen maximal hartnäckigen Ohrwurm.
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