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da draußen existieren Texte der wichtigsten Autorinnen und Autoren unserer Zeit – Ocean Vuong, Margaret Atwood oder Han Kang –, die wir leider nie zu Gesicht bekommen werden, sondern nur nachfolgende Generationen. Denn sie sind Teil der “Future Library” in Oslo, einem Projekt der Künstlerin Katie Paterson, und werden der Öffentlichkeit erst in knapp 100 Jahren, 2114, zugänglich gemacht. Die Bibliothek gleicht damit einer Zeitkapsel. Sie konserviert Bücher für eine Zukunft, die wir zwar nicht mehr miterleben werden, die aber gar nicht so weit von uns weg ist.
Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber mir fällt es schwer, mir vorzustellen, wie diese Zukunft wohl aussehen könnte. Leben wir doch in einer Zeit, in der einem andauernd dystopische Visionen begegnen: Eine Tech-Elite scheint sich auf den Weltuntergang vorzubereiten und prägt damit eine Form von “Endzeitfaschismus”, wie ihn Astra Taylor und Naomi Klein in ihrem gleichnamigen Buch beschreiben. Quentin hat vor zwei Wochen noch geschrieben, dass eine "Das wird schon wieder"-Haltung nicht ausreicht, um so einer apokalyptischen Zukunftsversion entgegenzuwirken. Doch was dann? Wie können wir unsere Welt noch retten? Dafür brauchen wir mehr Utopien! Und die sind mir in den letzten Wochen in Büchern, Interviews und in einem Film begegnet.
Als ich den Anfang September erschienenen Debütroman “Irgendwann verglüht die Sonne” von Andrea Profetto aufschlug, erwartete ich eine bewegende Familiengeschichte, einen sensiblen Coming-Of-Age-Roman, der sich mit Essstörungen und sexualisierter Gewalt beschäftigt. Doch was mir schon vor dem ersten Kapitel entgegensprang: ein Zitat, das sich las wie eine schicksalhafte Begegnung. Da stand: “Und doch sitzt in mir noch immer eine wahnsinnige Hoffnung.” Was ein Satz! Und weiter: “Ich kann nur nachsichtig darüber lächeln. Mit diesem verstockten Eigensinn habe ich als Kind gehofft, nie sterben zu müssen. Ich stelle mir diese Hoffnung als einen blinden Maulwurf vor, der in mir hockt und über seinem Wahn brütet. Da ich ihn nicht aus mir vertreiben kann, muss ich ihn gewähren lassen.” Andrea Profetto zitiert hier aus Marlen Haushofers 1963 erschienenem Roman “Die Wand”. Es ist die Geschichte einer Frau, die sich von einem Tag auf den anderen in völliger Isolation wiederfindet, in einem Waldhaus, eingezäunt von einer durchsichtigen Wand, hinter der alles Lebende tot und vergangen zu sein scheint. An ihrer Seite befinden sich nur noch die Haus- und Waldtiere. Gemeinsam mit ihnen gelingt es der Protagonistin, auf eine nüchtern-genügsame Weise mit der alptraumhaften Situation umzugehen. “Die Wand” ist eines meiner absoluten Lieblingsbücher und ich dachte trotzdem nicht, dass es mir genau jetzt zur richtigen Zeit wieder zeigen würde: Ein bisschen Hoffnung – auch wenn sie naiv erscheint – kann schon ausreichen. Auch Profettos Roman verbreitet diesen Funken. Denn ihre Geschichte über eine Jugendliche, die Missbrauch erlebt, spürt Räume für Anteilnahme und Fürsorge auf. Veränderung ist erst möglich, wenn wir darüber in Austausch kommen. Es muss einen Ausweg aus einer Welt geben, in der Kinder und Frauen sexualisiert werden, Opfer die Schuld bei sich suchen und Täter geschützt werden.
Die UNSECO setzt sich schon seit einiger Zeit für das Konzept der “Future Literacy & Foresight”, also der Förderung von Zukunftskompetenz, ein. Es basiert auf Forschung, die gezeigt hat, dass Menschen, die ihre Vorstellungskraft trainieren, weniger fatalistisch agieren und offener für Neues sind. Claudia Heissenberg greift das Konzept im Bayern 2 “Radiowissen” über Utopien in der Philosophie auf. Wir brauchen Utopien, um unsere Zukunft auszuloten, heißt es darin zum Beispiel von der Philosophin Lina Berthold. Perspektivenwechsel könnten dabei helfen, die eigene Zukunftskompetenz zu stärken, ergänzt Gregor Schäfer von der Uni Basel.
Einen ganzen Band voll Kurzgeschichten dazu liefert Bora Chung mit “Dein Utopia”, das Ki-Hyang Lee ins Deutsche übersetzt hat. In den Stories geht es, typisch für die koreanische Bestsellerautorin, nicht um utopisch im Sinne von “zu schön, um wahr zu sein”. Ihre Zukunftsvorstellungen folgen eher den Ängsten und dem, was politisch gerade falsch läuft. Sie ergründen unsterbliches Leben oder die Flucht vor der Apokalypse ins Weltall, sind dabei weird bis verstörend. Doch am Ende bleiben den Figuren selbst in den ausweglosesten Situationen immer Solidarität, Gemeinschaft und Menschlichkeit. Das lese ich nicht als Trost. Die fiktionale Eskalation hilft dabei, einmal durchzuspielen, was möglich ist und herauszufinden, was eigentlich zählt. Im Nachwort verweist Chung auf den Soziologen Karl Mannheim, der Ideologie und Utopie voneinander abgrenzte: “Ideologie sei lediglich ein Diskurs, der die Gesellschaft verändern könne, während Utopien Bewegungen seien, die tatsächlich Änderungen in der Welt hervorriefen.” Und um sich an solchen Utopien zu versuchen, muss eigentlich nicht viel fantasiert werden.
Im März fragte ich die Philosophin Eva von Redecker, die sich für ihr neuestes Buch “Dieser Drang nach Härte” intensiv mit den Narrativen der Neuen Rechte beschäftigt hat, was wir gegen Faschismus auf Social Media tun könnten. Gegen Botschaften, die viel zu viel Anklang unter denen finden, die mit der aktuellen Situation nicht zufrieden sind. Sie sagte darauf: “Einfach bei der Realität bleiben hilft schon”. Denn wenn man “einfach bei der Realität bleibt, dann hat man unendlich viel mehr Verbündete, weil eigentlich alles, was leben will, keine faschistische Todespolitik will.” Sie betonte, wie inspirierend reale Dinge wie der Lebenswille, ökologische Zusammenhänge, Solidarität oder queeres Begehren seien. Und dem kann ich nur zustimmen. Wer ein Beispiel sucht, dem empfehle ich den französisch-belgischen Animationsfilm “Jim Queen” von Marco Nguyen und Nicolas Athané, der dieses Jahr in Cannes Premiere gefeiert hat und jetzt auch in den deutschen Kinos zu sehen ist. Der perfekt durchtrainierte schwule Influencer Jim Parfait steckt sich mit dem “Heterose”-Virus an und wird plötzlich - wie viele andere Queers in Paris – heterosexuell. Twink Julien, der Jim anhimmelt, hilft ihm dabei, ein Gegenmittel zu finden. Ich habe selten einen Film gesehen, in dem ich so viel gelacht, mitgefiebert und irgendwie auch gelernt habe. Vor allem hat der Film mich spüren lassen, was Freiheit eigentlich bedeutet, wie schön freie Liebe ist und wie erbärmlich dagegen Hass und Hetze sind.
Es liegt eigentlich alles direkt vor unserer Nase. Manche Utopien bleiben vielleicht ein Produkt der Vorstellungskraft und bringen uns einfach nur dazu, offener in die Zukunft zu sehen. Andere könnten tatsächlich Realität werden oder haben bereits ihre Wurzeln geschlagen. Der Franzose Thomas Piketty, ein bekannter Ökonom, hat mit einem Team von Wissenschaftler:innen den “Global Justice Report” veröffentlicht, in dem sie eine gleichzeitige Lösung von Klimakrise und globaler Ungerechtigkeit vorschlagen. Utopischer geht’s nicht, oder? Ihre Idee ist eine weltweite Einkommens- und Vermögenssteuer, die auf einen Fond einzahlt, der dann von einer globalen Institution demokratisch verwaltet werden soll. Klimaziele sollen damit genauso erreicht werden wie soziale Gerechtigkeit im globalen Norden und Süden. Im Interview mit “ttt” erklärt Piketty, dass sich dafür unser Konsumverhalten verändern müsste: weg von den materiellen Gütern, hin zu immateriellen Sektoren wie Bildung, Gesundheit und Kultur. Denn das koste uns nicht nur weniger Emissionen, es würde sich auch tatsächlich positiver auf unser Wohlbefinden auswirken.
Damit kommen wir direkt zu drei kulturellen Empfehlungen (fürs Wohlbefinden ;))
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