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Hallo zusammen! Wenn irgendwo außerhalb von Berlin ein neuer Club aufmacht, geht die Wahrscheinlichkeit, dass ein Journalist einen angestrengten Vergleich mit dem legendären Berghain zieht, gegen 100 Prozent. Genauso sicher ist es, dass er oder sie über "wummernde Bässe" oder "treibende Beats" schreibt. Und von "Techno-Jüngern", die angeblich nun eine neue "Pilgerstätte" haben.
So war es auch am vergangenen Wochenende, als das "Printhouse" in München, gelegen in einer ehemaligen Zeitungs-Druckerei, offiziell eröffnet wurde. Über die genannten Phrasen geht die Techno-Berichterstattung leider selten hinaus. Dabei ließen sich im Nachtleben durchaus Phänomene beobachten, die uns auch bei Tag beschäftigen. Zum Beispiel der Drang, jedes erdenkliche Ereignis als Social-Media-Videoclip zu verwursten.
Im Fall des Printhouse zeigte sich nämlich genau darin der Clash zwischen dem Underground-Restanspruch von Clubkultur beim gleichzeitigen Zwang zur Vermarktung. Was meine ich mit diesem Restanspruch? Ich glaube, dass Clubs wie das Printhouse in einer Tradition stehen, die mit bestimmten Werten und Regeln einhergeht, durch die man sich (zumindest minimal) vom Mainstream absetzen will. Klar ist elektronische Musik längst ein Weltmarkt und relativ durchkommerzialisiert. Aber als Techno-Club mit Niveau will man trotzdem lieber mit dem Berghain verglichen werden als mit dem P1.
Dass es beim Printhouse damit eher schwierig werden könnte, zeigte sich schon im Vorfeld der Eröffnung. Für 90 Euro konnte man sich "AAA Tickets" für die Nacht buchen, die einem angeblich Zugang zur DJ-Kabine und zu einem nicht näher definierten Backstage-Bereich verschaffen sollten. Solche Hierarchien kennt man eher von der Schickeria.
Aber zumindest an einem Prinzip, das sich so ziemlich jeder glaubwürdige Technoclub auf die Fahnen schreibt, hielt man laut Ankündigung fest: Was im Club passiert, bleibt im Club, Kameras bleiben aus. Den Moment leben, das Smartphone vergessen, Eskapismus vom Alltag und so weiter. "No Cameras on the floor" hieß es deswegen von Seiten der Printhouse-Veranstalter.
Ob der Eröffnungsabend nun eine gute Party war oder nicht, weiß ich nicht, ich war nicht da. Ich sah allerdings dieses Instagram-Reel des Clubs, in dem man eine der DJs beim Auflegen sieht, die Menge beim Tanzen. Wie war das nochmal mit dem Kameraverbot? Dann wurde es aber fast schon dystopisch: Das Video zeigte Aufnahmen einer Kameradrohne, die über dem tanzenden Publikum surrte. Viel mehr kann man den selbst gesetzten Regeln eigentlich nicht widersprechen. In den Kommentaren unter dem Video kritisierten viele genau das: "No-Photo-Policy und dann ein Aftermovie mit Drohnen? Was soll das dann überhaupt?" fragte einer, ein anderer kritisierte: "Lächerlich mit Drohnen zu filmen, wenn für Gäste eine No-Photo-Policy gilt."
Natürlich haben diese Leute recht. Wenn es künftig zum Nachtleben gehört, dass filmende Drohnen über den Tanzenden kreisen, können wir das mit der Clubkultur auch ganz bleiben lassen. Ein Club ist ein Rückzugsort, keine Content-Fabrik. Und die Allgegenwärtigkeit von Überwachungskameras im Alltag nimmt eh schon langsam chinesische Ausmaße an.
Gleichzeitig sehe ich in der ganzen Paradoxie von No-Camera-Anspruch und Drohnen-Wirklichkeit ein Muster, das mir auch anderswo begegnet. Egal, welche Werte man eigentlich vertritt, irgendwie schaffen es die Aufmerksamkeitsökonomie und ihre Plattformen dann doch, dass sich ihnen so gut wie alles unterordnet. Was sich nicht in ein kurzes Video verpacken lässt, ist nach dieser Logik einfach nicht passiert, performt nicht, muss untergehen.
Diese Kurzvideotisierung der Welt sieht man überall: Bei Podcasts zum Beispiel, die mittlerweile fast alle zu Youtube-Talkshows geworden sind – von denen wiederum viele nur kurze Clips kennen, die ihnen ihr Feed auf TikTok oder Instagram zuspült. Bei vormals introvertierten Künstlerinnen oder Buchautoren, denen offenbar nichts anderes übrig bleibt, als den Großteil ihrer Zeit wie ein Influencer aufzutreten und jahrelange Arbeit in snackable Clips zu packen. "Clipping", also das Zerhacken längerer Filmaufnahmen in Video-Momentchen mit viralem Potenzial, ist mittlerweile zu einem ganzen Wirtschaftszweig geworden. Wer das nötige Geld hat, beschäftigt eine Armee von Cuttern, die Videomaterial verarbeiten und die daraus entstehenden Clips auf hunderten Profilen verbreiten.
Ich habe zwar noch keine Clipper-Armee beauftragt, aber das "Wie sieht das gut auf Social Media aus?"-Denken reicht bis in diesen Newsletter, der ja eigentlich als Gegenentwurf zur Plattformlogik gedacht ist. Am Ende sitze ich eben doch da und überlege: Welche Betreffzeile knallt noch ein bisschen mehr? Welcher Satz aus dem Text hat Zitatkachel-Potenzial? Sollte ich vielleicht ein kleines Video drehen, in dem ich "Drohnen auf der Tanzfläche, GEHT’S NOCH?" in die Smartphonekamera schreie?
Wie entkommt man nun dieser Logik, von der am Ende immer die gleiche Handvoll Plattformbetreiber profitiert? Und was ist überhaupt noch radikal oder subversiv, wenn sich alles ihr unterordnet? Kann man zum Beispiel noch ein Demo-Transparent basteln, ohne dessen Viralitäts-Potenzial mitzudenken? Oder in den Urlaub fahren, ohne ein Foto-Dump davon zu posten?
Zumindest diese oft behauptete Unausweichlichkeit würde ich mal in Frage stellen. Wer auf Öffentlichkeit angewiesen ist, hat es verständlicherweise eher schwer, zu widerstehen. Ich würde für mich als Journalist zum Beispiel nicht ausschließen, dass ihr mich eines Tages auch in einem Clip seht. Aber das mit dem Kameraverbot bekommt jeder zweite Club in Berlin ja komischerweise auch hin. Der Underground ist dann eben dort, wo die Kameras nicht sind und wird genau dafür geschätzt und besucht. Und fürs Privatleben hätte ich noch einen Trick: Wer hier mal richtig radikal sein will, sollte einfach etwas sehr Spannendes unternehmen. Und niemandem davon erzählen.
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