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Junge auf Leiter vor Wolkenhimmel | Bild: Unsplash

Bock auf Repression

Hallo zusammen! Gibt es nicht oft genug gute Gründe, sich zu empören? Ich kann mich noch erinnern, als meine Tochter während der Pandemie nach monatelangem Webcam-Unterricht zum ersten Mal wieder von der Schule nach Hause kam. Als ich sie fragte, wie es denn so gewesen sei, erzählte sie zuallererst: "Wir haben jetzt sogar Seife!" In ihrer gesamten Schulzeit hatte es bis dahin noch nie Seife in den Klassenzimmern gegeben. Die Schule soll seit mittlerweile sieben Jahren saniert werden, in der Turnhalle fielen bereits Lamellen von der Decke, die Mensa war zeitweise wegen Schimmelbefalls gesperrt. Neben dem maroden Schulgebäude steht seit zehn Jahren ein als Provisorium gedachter Containerbau mit Klassenzimmern. Mittlerweile hat meine Tochter ihr Abitur, die Container stehen immer noch. 

So viel zu den Schulgebäuden, in denen die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt ihre nächste Generation ausbildet. Von Unterrichtsausfall, Lehrermangel und kaputter Technik aus dem vorigen Jahrtausend will ich gar nicht erst anfangen. Am kommenden Samstag wollen junge Menschen, inspiriert von den Protesten in Frankreich, Italien, Spanien auch in Deutschland gegen solch desaströse Bedingungen auf die Straße gehen. Was ihnen bereits jetzt, da die Proteste noch nicht einmal richtig begonnen haben, an Vorverurteilung entgegenschlägt, macht mich fassungslos.  

"Wir müssen die Gefahr sehr ernst nehmen, dass die angekündigten friedlichen Jugendproteste auch in Deutschland durch linksextreme Kräfte, Teile des migrantischen Milieus und Kriminelle vereinnahmt werden können", sagte etwa Alexander Thorm, der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion: "Gewalt, Angriffe auf Polizisten oder öffentliche Einrichtungen" überschritten eine Grenze und seien "nicht zu tolerieren". Aus der SPD gab es ähnliche Töne: "Für gewalttätige Proteste gibt es zu keinem Zeitpunkt und an keinem Ort irgendeine Legitimation", sagte deren innenpolitischer Sprecher Sebastian Fiedler. Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Jochen Kopelke, sagte: "Ich gehe davon aus, dass diese Versammlungen für Randale genutzt werden." Und Markus Söder hatte bereits in der vergangenen Woche beim CSU-Parteitag in Bezug auf die angekündigten Proteste gerufen: "Wir sind wehrhaft, und wir sind wehrbereit."

Der baden-württembergische Innenminister Manuel Hagel stellte die Proteste sogar in einen Kontext mit Angriffen gegen Juden. "Der Samstag ist Sabbat. Jüdinnen und Juden sollen ihn in Frieden feiern können", sagte er der "Stuttgarter Zeitung", "für uns gilt: Gebet vor Gebrüll." Ob das auch für Fußballfans des VfB Stuttgart gilt? Die Junge Union in Berlin Mitte schlug sogar einen Verfassungsbruch vor: Man solle die Bundeswehr gegen die Protestierenden einsetzen, um die "geplanten ‘Schüler‘-Proteste zu unterbinden".  

Noch eine Erinnerung an Pandemiezeiten: Ich saß mit genau einem Freund, größere Zusammenkünfte waren nicht erlaubt, an einem Sommerabend an der Isar. Neben uns hatte sich ein Häuflein Jugendliche getroffen, sie hatten einen Bluetooth-Lautsprecher dabei und wackelten zur Musik hin und her. Von Ruhestörung oder Krawall konnte dabei keine Rede sein, es war vielleicht 21 Uhr. Plötzlich tauchten von allen Seiten Polizeiwagen mit Flutlicht auf, die Jugendlichen rannten davon, viele wurden aufgehalten und kontrolliert. Ähnliche Szenen spielten sich dort damals fast täglich ab. 

Wie es sich für einen jungen Menschen wohl anfühlen muss, wenn der erste Kontakt mit der Staatsgewalt so aussieht? Und heute denke ich mir: Wenn man seine Meinungs- und Versammlungsfreiheit für ein besseres Bildungssystem wahrnehmen will, und dann derart vorverurteilt wird – nimmt man dann die Politik, Medien oder die ältere Generation überhaupt noch als Unterstützer seiner Anliegen wahr? Wenn Forderungen nach Bildungsinvestitionen oder einem finanzierbaren Leben als "Gebrüll" verunglimpft werden, das den Sabbat stört? Wenn sich manche wünschen, dass einen gefälligst die Bundeswehr von der Straße fegt? Bekommt man dann etwa Lust, sich genau dieser Bundeswehr freiwillig anzuschließen? 

Fairnesshalber muss man auch sagen: Die Einschätzungen der lokalen Polizeibehörden sind deutlich gemäßigter als die der gern am Anschlag formulierenden Polizeigewerkschaften, der Innenminister oder JU-Halbstarken. Es gäbe keine konkreten "Hinweise auf geplante Gewalttaten oder Sachbeschädigungen", heißt es etwa aus den Polizeipräsidien in Nürnberg und München. Auch bei der Berliner Polizei  ist man entspannt, für Krawalle gäbe es "keinerlei konkreten Anhaltspunkte".  

Auf welche Erkenntnisse stützen sich also all jene, die vor Krawall, Terror oder gar Angriffen gegen Juden warnen? Am Ende sind es wohl eher gefühlte Vibes und die in aller Welt verbreiteten Schreckensbilder von einer angeblich von Islamisten oder linken Staatsfeinden verführten Jugend. Man schwingt lieber Law-and-Order-Reden, anstatt sich mit den Belangen einer jungen Generation auseinanderzusetzen, die trotz Milliardenausgaben fürs Militär gerne okaye Schulbücher oder bezahlbare WG-Zimmer hätte. 

Vielleicht steckt hinter den Krawall-Prophezeiungen sogar eine Art von Vorfreude, die Sehnsucht nach dem großen Knall, verbunden mit dem Auftrag, mal so richtig durchzugreifen. Eine gerade verfügbare Arte-Dokumentation fragt sich genau wie ich, woher diese neue Lust an der Repression eigentlich kommt. Ich musste bei den Forderungen nach Härte und illegalem Einsatz von Bundeswehrsoldaten im Inland auch an den Satz von Travis Bickle im Film-Klassiker "Taxi Driver" denken, der derlei Gelüste schon 1976 auf den Punkt brachte: "Eines Tages wird ein großer Regen kommen und diesen ganzen Abschaum von der Straße waschen", träumte er vor sich hin. Ich weiß natürlich auch nicht, ob die kommenden Proteste friedlich verlaufen werden. Allerdings habe ich das Gefühl, dass viele der "Warner" regelrecht enttäuscht sein könnten, wenn es am Samstag dann doch nicht kracht.

Die Empfehlungen der Woche

The Syllabus ist eine Art personalisierter Newsletter, auf den ich über den Kulturkritiker Evgeny Morozov gestoßen bin. Man kann dort seine Interessengebiete angeben und bekommt in der Bezahl-Version jede Woche ein Paket mit Texten, Podcasts oder Büchertipps aus dutzenden Instituten, Thinktanks, Magazinen und anderen Quellen. Ich habe die unpersonalisierte Gratis-Variante abonniert, die mir ehrlich gesagt vollkommen ausreicht: Es gibt immer ein Video der Woche, ein Essay der Woche, ein Buch der Woche.. und so weiter. Und das zu Themen, auf die ich bei der Angabe meiner Interessen gar nicht gekommen wäre. Diese Woche waren das zum Beispiel ein Buch über Pubs als soziale Orte, ein Paper über den Aufstieg chinesischer Batteriehersteller oder ein Text, der das Denken des Philosophen Walter Benjamin auf unsere heutige Plattform-Welt anwendet.

Seit ich irgendwann in den Neunzigern als Kind von der Existenz des (angeblichen) Grabtuches von Jesus gehört hatte, habe ich eine seltsame Faszination für dieses Ding. Leider lag Turin nie auf unserer Italien-Reiseroute. Auf der Suche nach einer Sonntagabend-Dokumentation bin ich bei 3sat nun neulich auf diese hier gestoßen, in der es um die Geschichte des Tuches geht. Allein die ganzen Leute zu sehen, die sich seit Jahrzehnten mit absoluter Hingabe um dessen Echtheit streiten, ist entschleunigend und spannend zugleich.

Gestritten wird auch heute Abend. Und zwar bei der Verleihung des Bayerischen Buchpreises in der Allerheiligen-Hofkirche in der Münchner Residenz. Diesmal diskutiert die Jury live und vor Publikum unter anderem über Bücher von Leh-Wei Liao, Shida Bazyar und Andreas Dorschel. Ich finde diese Art von Jury-Arbeit toll: Sie macht einerseits transparent, wie knapp derartige Entscheidungen manchmal sind. Und gleichzeitig hört man den Streitgesprächen viel lieber zu als glattgebügelten Laudationen. Das Ganze kann man live mithören, auf Bayern 2 ab 20 Uhr.

Bis nächste Woche!

Obsessed - Döner Papers | Bild: Bayerischer Rundfunk

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