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Eine Szene aus Christopher Nolans "Die Odyssee" | Bild: picture alliance / SIPA | LILO

hallo zusammen,

diese Woche wurde in den USA zwischengewählt. Mit ziemlich eindeutigem Ergebnis. Im tagesschau-Podcast “11KM” sprach Moderatorin Nadja Mitzkat mit Samuel Jakisch aus dem ARD Studio Washington, der prognostizierte, dass Trump nun eine unangenehme Zeit bevorstehe.

Einen Kommentar auf die gegenwärtige Politik der USA und ihres Präsidenten vermuteten viele bereits in einem der erfolgreichsten Filme des Jahres: Christopher Nolans Adaption der fast 3000 Jahre alten “Odyssee”. Denn Nolan zeigt darin keinen klassischen homerischen Helden, der mit seiner cleveren, charmanten Art auch die wildeste Irrfahrt übersteht. Sondern einen vom Krieg gebrochenen Mann in einer schmucklosen, kühlen und irgendwie verlorenen Welt, der mit seinem Handeln hadert. Er war es, der durch seine List und das Fake-Gastgeschenk, das trojanische Pferd, das “Gesetz des Zeus”, also das Gebot der Gastfreundschaft, verletzt hat. Wie mein Kollege Ferdinand Meyen erklärt, sah beispielsweise der britische Abgeordnete der Labour Partei, Peter Swallow, in dem Film eine Allegorie auf unsere westliche, regelbasierte Ordnung. Für ihn sei das “Gesetz des Zeus” auch heute verletzt. Von Putins Angriffskrieg oder in Form von “Donald Trumps Verachtung für die globale, multilaterale Zusammenarbeit”. Doch können Filme, die auf Literatur basieren, die vor Jahrzehnten, Jahrhunderten oder sogar Jahrtausenden verfasst wurde, wirklich so viel über unsere Zeit aussagen?

Aktuell landen sie zumindest reihenweise in den Kinos. Mit “Sinn und Sinnlichkeit” entstand unter der Regie von Georgia Oakley ein Kostümfilm, der zeigt, dass Jane Austen alle Zeiten übersteht. Für Dezember hat Streaminganbieter Netflix auch gleich die nächste Serienadaption von “Stolz und Vorurteil” angekündigt und auch Charles Dickens’ “Eine Weihnachtsgeschichte” erhält passend zur besinnlichen Zeit eine neue Verfilmung. Mit Johnny Depp als Ebenezer Scrooge. Liebe Weihnachtsgeister, da habt ihr euch aber mal was vorgenommen. Über eine andere Casting-Entscheidung wurde dieses Jahr schon heftig diskutiert. “Wuthering Heights” mit Margot Robbie und Jacob Elordi in den Hauptrollen wurde als “beste Liebesgeschichte aller Zeiten” beworben. Der Kinofilm zielte damit etwas am Thema der Romanvorlage vorbei. Schließlich erzählt der britische Klassiker von Emily Brontë eigentlich die unerfüllte Liebe zwischen Cathy und Heathcliff, der im Buch Person of Color ist, als Ergebnis von Klassenunterschieden und generationsübergreifendem Trauma. Aber egal wie gut der Film am Ende die Geschichte adaptiert hat, das Buch profitiert. Im Fall der “Odyssee” stiegen dieses Jahr die Käufe in Großbritannien Penguin Classics zufolge um 265%. Dabei wird offenbar vor allem eine jüngere Zielgruppe angesprochen. Gerade liest ein Teil der Gen Z zum Beispiel begeistert “East of Eden” von 1952, weil eine Serienadaption von John Steinbecks Familiendrama, das in der Zeit zwischen dem Amerikanischen Bürgerkrieg und dem Ersten Weltkrieg spielt, weltweiten Erfolg feiert. Die Mini-Serie mit Christopher Abbott und Florence Pugh in den Hauptrollen zeigt, was eine gegenwärtige Adaption leisten kann. Wenn sie andere Perspektiven gewichtet und den Fokus verschiebt, ohne den Sinn der Vorlage zu verlieren. Besonders die von Pugh verkörperte Cathy Ames, eine ehemalige Prosituierte und Mörderin, wird in der Serie zur nuancierten, moralisch ambivalenten Frauenfigur, in die man sich reinversetzen kann, während sie im Buch eher eindimensional als das personifizierte Böse dargestellt wird.

Filmadaptionen folgen auch einer finanziellen Logik: War eine Geschichte schon in Buch-Form erfolgreich, bringt sie mit hoher Wahrscheinlichkeit auch viele Menschen in die Kinos. Die Vernetzung zwischen Buch- und Filmbranche ist schon lange eingespielt. Beispielsweise kooperiert die Frankfurter Buchmesse mit den großen Filmfestivals in Europa, um Vertreter:innen beider Branchen miteinander zu vernetzen und agiert selbst als ein Markt, um über Lizenzen und Rechte zu verhandeln. In diesem Zusammenhang wurde auf der diesjährigen Messe auch die Verfilmung von Jenny Erpenbecks “Heimsuchung” von Volker Schlöndorff als beste Literaturverfilmung ausgezeichnet. Das Buch ist zwar noch kein Klassiker, aber auf dem besten Weg, einer zu werden. Denn die Kraft von Klassikern liegt darin, die großen, überzeitlichen Themen zu verhandeln. Sie würden fast wie Märchen funktionieren, steht in einem Artikel der Financial Times. Regisseur:innen hätten die Möglichkeit sich durch die archaischen Charaktere und Narrative auf wesentliche Themen zu fokussieren und könnten den Blick auf die Fragen richten, die für unsere Gegenwart relevant sind. “Manche Geschichten gewinnen in einer anderen Zeit an neuer Bedeutung”, sagte Marion Kohler vom Scoutin Leonine Filmverleih auf der Frankfurter Buchmesse.  

Für “Die Odyssee” gilt das unbestritten. Denn egal wie viele Gedanken über unsere Zeit Nolan wirklich untergebracht hat: Zum gesellschaftspolitisch relevanten Schauplatz wurde sie spätestens durch die rassistische und transfeindliche "Kritik" der rechts-konservativen Ecke an Nolans Cast. Tesla-Chef Elon Musk kündigte eine eigene “historisch akkurate” Version an, die er mithilfe seines KI-Videogenerators “Grok Imagine” produzieren ließ. Wen wohl interessiert, wie dieser Film war? Hier zitiere ich einfach Odysseus, der dem Zyklop Polyphem seinen Namen verheimlicht und sagt: "Niemand".

In Quentins Instagram-Story sah ich passend dazu gestern einen Artikel darüber, dass der größere Verlierer der Zwischenwahlen nach den Republikanern die Rechenzentren seien. Über die wurde in einigen US-Gemeinden ebenfalls ziemlich eindeutig abgestimmt. Also vielleicht steuern wir das Ding doch noch gemeinsam in Richtung Ithaka, happy end oder was auch immer.

die empfehlungen der woche

Die Berichterstattung von selbsternannten KI-Expert:innen und die Erzählungen von Tech-Giganten über KI sind voller Ideologie. Darum geht es im Podcast “Tech Bro Topia” vom Deutschlandfunk. In der zweiten Staffel beleuchtet Host Banafshe Hourmazdi zusammen mit ihrem Team ideologiekritisch, was dahintersteckt, wenn Tech-Firmen plötzlich selbst vor dem Weltuntergang warnen oder welche Vorstellungen und problematischen Denkmuster eigentlich mit dem Begriff “Künstliche Intelligenz” verknüpft sind. Unbedingt hören!

Vom 07. bis 11. November findet das Queere Literaturfestival im Gasteig/HP8 in München statt. Dort könnt ihr Lesungen von Sophia Merwald, Muri Darida oder Tash Aw besuchen, es gibt einen Schreibworkshop und ein Panel zu Übersetzungen. Dem Festivalteam geht es darum, einen Raum für queere Literatur und Ästhetik zu schaffen. Auch als Antwort auf ein politisches Klima, in dem queeres Leben systematisch von antidemokratischen Kräften zum Feindbild erklärt wird. Ich freue mich besonders auf die Stationenlesung mit Marlon Brand, der aus “Und jetzt Queer! Lesen jenseits der Norm” lesen wird, das zeigt, wie divers Literatur war und ist und das eine queere Erweiterung des Literaturkanons enthält. 

Noch viel früher als auf der Leinwand landen Romane oft adaptiert auf der Theaterbühne. Das Stadttheater Ingolstadt zeigt ab dem 13. November die Uraufführung von Verena Keßlers erst 2025 erschienenem Roman “Gym” in einer Bühnenfassung von Dinah Wiedemann. Hier habe ich den feministischen Bodyhorror-Roman vorgestellt. Dafür werde ich mich in den nächsten Wochen gerne in den Regionalzug setzen.

Bis bald!

Eine Frauenbüste aus Stein, links im Hintergrund eine brennende Burg auf einer Bergspitze, rechts daneben ein altertümliches Segelschiff als Silhouette.

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