erst einmal ein frohes neues Jahr! Ich habe über die Feiertage, wie wahrscheinlich jeder, überdurchschnittlich viel ferngesehen. Dabei habe ich auch der Serie "Mozart/Mozart" eine Chance gegeben. Ganz so schrecklich wie die Kollegin Adorján in der Süddeutschen Zeitung fand ich sie nicht, mehr als eine Folge habe ich ehrlich gesagt aber auch nicht geschafft.
Ich glaube, das hatte auch mit einem Phänomen zu tun, das mir schon länger auffällt: Viele Serien und Filme sehen gerade extrem künstlich aus, wie computeranimiert. Sie nähern sich optisch den Bildern von KI-Generatoren wie DALL·E oder Midjourney an. Jede Gesichtshaut strahlt, jede Oberfläche ist glatt, jeder Hintergrund hat eine Unschärfe, das Color-Grading betont alles bis zum Anschlag. Auch Johanna Adorján spricht das in ihrer SZ-Kritik an.
Der Medienwissenschaftler Roland Meyer hat diese KI-Optik in einem Interview kürzlich als "Ästhetik der Bruchlosigkeit, Glätte und Scheinperfektion" bezeichnet. Und auch wenn ich den Machern der Mozart-Serie überhaupt nicht unterstellen will, dass sie KI eingesetzt haben: Die Bildästhetik spricht leider doch eine sehr ähnliche, kalte Sprache. Fast noch extremer ist mir das neulich beim Schauen des neuen "Frankenstein"-Films aufgefallen. Regisseur Guillermo del Toro verachtet zwar den Einsatz von KI (er sagte etwa, er wolle lieber sterben, als KI zu verwenden). Die Eingangsszene wirkt aber trotzdem eher wie ein Computerspiel, nicht wie ein mit einer Kamera gedrehter Film.
Auch viele Dokumentationen, die ja qua Genre eigentlich den Anspruch haben sollten, die Realität abzubilden, bedienen sich dieses hyperrealistischen Stils. Die vielgelobte Haftbefehl-Dokumentation "Babo" fand ich gerade wegen der vielen nachgestellten Szenen aus Aykut Anhans Leben eher eigenartig. Macht die Art, wie Anhan sein Leben vor dem Zuschauer ausbreitet, nicht genug Eindruck? Muss man etwa den Tod seines Vaters in einer "Ein Körper baumelt perfekt ausgeleuchtet im Regen"-Szene darstellen?
Von KI generierte Bilder sind letztendlich nur die finale Stufe eines Verkünstlichungs-Prinzips, in dem Fotos auch ohne KI durchgefiltert und artifiziell, Serien und Dokumentationen wie Imagefilme aussehen. Selbst wenn ich (wie hier vielleicht schon mal deutlich geworden ist) kein großer KI-Freund bin, finde ich manchmal dennoch die Aufregung über den KI-Einsatz im Kulturbereich wohlfeil. Wenn etwa eine Serie optisch unrealistisch poliert daherkommt, die Dialoge so hölzern wie ChatGPT sind und die Handlung algorithmus-optimierten und usergetesteten Guidelines folgt – macht es dann wirklich noch einen Unterschied, ob es sich um ein von Menschen erstelltes Werk handelt?
Die Wissenschaftlerin Kate Crawford, deren Buch "Atlas of AI" ich hier dringend empfehlen will, hat Folgendes geschrieben: "Es gibt die Befürchtung, dass uns Roboter ersetzen. Was aber tatsächlich passiert, ist, dass wir selbst immer mehr wie Roboter behandelt werden." Sie bezog sich dabei auf die Art, wie wir arbeiten, etwa in einem Amazon-Zentrum, in dem jeder Schritt der Mitarbeiter analysiert wird.
Ich finde, man kann ihre These genauso auf die Kultur anwenden: Wenn Filmproduzenten denken, der Geschmack des Publikums ließe sich am besten treffen, wenn man dessen Sehgewohnheiten durchanalysiert und dann einfach alle Stellschrauben auf Anschlag dreht, kommt eben ein unmenschlich scheinperfektes Werk heraus – das den Zuschauer als berechenbaren Roboter betrachtet. Wäre es nicht schöner, es gäbe mehr Überraschungen als die Endlos-Wiederholung des Altbekannten, des größten gemeinsamen Datennenners?
Kommen wir nun zu den sehr menschgemachten Empfehlungen für diese Woche, angefangen mit einem schönen Essayfilm "Wolkenfabrik" über Tagebau-Schlote und die Gebilde, die diese ausstoßen. Ich fand es vor einigen Wochen anlässlich des Abrisses der AKW-Türme von Gundremmingen beeindruckend zu lesen, wie persönlich und emotional die Verbindung der Anwohner zu diesen Bauwerken ist. Im Braunkohlerevier ist das nicht anders, in "Wolkenfabrik" vergleicht jemand die Tagebau-Architektur trotz aller Luftverschmutzung mit dem Anblick der Freiheitsstatue.
Seit dem 1. Januar gibt es keine Musikvideos auf MTV mehr. Paramount hat die entsprechenden Kanäle eingestellt, auch auf dem MTV-Kernsender läuft nun fast ausschließlich Reality-TV. MTV hat in meinem Leben zwar längst nicht mehr die Bedeutung wie zu Anfang des Jahrtausends (ich habe damals locker den halben Tag mit MTV-Schauen verbracht), dieses Ende macht mich aber doch traurig. 2019 ist eine Dokumentation über die dilettantischen Anfänge des Sender erschienen, die man auf Youtube sehen kann. Sie zeigt, wie etwas Großes entstehen kann, wenn man eben nicht von vornherein alles durchkonzeptioniert.
Zu guter letzt mal wieder Musik: Ich habe mich Mitte Dezember sehr gefreut, als plötzlich ein Lebenszeichen des Produzenten Ricardo Villalobos auftauchte. Villalobos war in den Nuller- und frühen Zehnerjahren der absolute Gott des minimalistisch-perkussiven House, dessen Tracks gerne mal die Zehn-Minuten-Grenze sprengten. Seinen Lebensunterhalt verdient er nach wie vor mit DJ-Sets in aller Welt, die eher wechselhaft ausfallen, ab und zu machte man sich Sorgen um seinen Gesundheitszustand. Umso schöner zu merken, dass er produktionstechnisch immer noch so innovativ wie damals. Das neue Werk ist ein Remix für den iranischen Trommler und Komponisten Mohammad Reza Mortazavi und dessen Werk "Swamp". Länge: grandiose 24 Minuten.
Kommende Woche gibt es wieder Soft Power von Miriam Fendt, bis bald!
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