Wird der Newsletter nicht richtig dargestellt? Hier geht es zur barrierefreieren Online-Version
BR Logo und Schriftzug Soft Power
Computerspiel-Szene aus "Fortnite" | Bild: BR

Hallo zusammen,

schön, dass ihr wieder mitlest. Ich hoffe, ihr hattet einen guten Sommer! Ich habe mir in den vergangenen Wochen Dinge notiert, um Ideen für kommende Soft-Power-Ausgaben zu sammeln. Teilweise weiß ich leider nicht mehr, was ich da eigentlich festhalten wollte (zum Beispiel "Signale kann man nicht essen?"). Ein Begriff aber hat sich so gut in meinem Gedächtnis gehalten, dass ich ihn gar nicht erst hätte notieren müssen: skill issue. 

Insofern möchte ich in die neue Soft-Power-Saison mit etwas einsteigen, das ziemlich oft schiefgeht: Mit der Idee, über Jugendsprache die Welt zu erklären. Mit "skill issue" gibt es da nämlich eine Formulierung aus dem Teenager-Gamerslang, die es in den vergangenen Jahren noch nie auf die Shortlist zum Jugendwort des Jahres gebracht hat, aber - das habe ich mir von Menschen unter 30 bestätigen lassen - immer noch verbreitet ist. Deswegen will ich heute mal versuchen, die "skill issue" zu einem ganzen Konzept zu erheben, mit dem sich gerade wirklich alles erklären lässt. 

Fangen wir mal mit den Ursprüngen der Redewendung an. Eigentlich ist das "skill issue"-Meme als latent beleidigende Antwort an Gamer gedacht, die sich über ihr Scheitern beschweren. Also zum Beispiel (liebe Gamer-Menschen, verzeiht mir diesen völlig unauthentischen Beispiel-Dialog): 

Gamer 1: “Wie kann das bitte sein, dass ich immer nach zehn Sekunden abgeschossen werde?”  

Gamer 2: “skill issue” 

Die skill-issue-Antwort hat sich mittlerweile auch auf den Alltag übertragen, also in etwa so: "Warum zur Hölle kleben nach der Spülmaschine noch Müslireste in meinen Schüsseln?" - "skill issue."  Ich hoffe, ihr versteht das Prinzip: Jemand beschwert sich über irgendetwas, das in seinem Leben schiefläuft. Der Grund liegt aber, entgegen seiner Annahme, nicht in den äußeren Umständen, den bösen Anderen. Die Antwort ist aber auch kein einfaches "selber schuld" sondern präziser: "Sorry, du kannst es halt (noch) nicht." 

Die "skill issue"-Antwort habe ich zufällig zum ersten Mal im vergangenen Dezember aufgeschnappt. Es war die Zeit, in der es gerade überall hieß, dass "die Deutschen" zu faul seien und mehr arbeiten müssten, um in der Weltwirtschaft an die Spitze zu kommen. Ich verstehe zwar nach wie vor nicht, warum Deutschland sich überhaupt ins Wettrennen um den Weltmacht-Spitzenplatz begeben sollte (Platz 3 ist doch ... ok?). Aber selbst wenn: Das Scheitern daran wäre keine Frage der Faulheit, der 40-Stunden-Wochen, sondern, ihr ahnt es – ein skill issue. Vielleicht sollte dieses Land erst einmal (wieder) lernen, etwas zu produzieren, das jemand im Ausland kaufen will. Konkurrenzfähige Solartechnik zum Beispiel, bis etwa 2011 war Deutschland hier mal Weltmarktführer - bis die damalige Bundesregierung die Förderung zusammenstrich. Wenn wir weiterhin unsere größte hard power darin sehen, im Akkord Verbrennerautos zu bauen, sitzen wir trotz längerer Schichten und höherem Rentenalter immer noch auf unverkauften Benzinkisten herum, deren Treibstoff sich keiner mehr leisten kann. 

An "skill issues" musste ich auch diese Woche denken, als ich die Grok-KI-Version von "Die Odyssee" sah. Elon Musk höchstpersönlich hatte Preisgelder ausgeschrieben, damit Fanboys mit seinem "anti-woken" KI-Modell ihre eigene, angeblich historisch adäquate Version der "Odyssee" erstellen. Der nun prämierte erste Platz ist natürlich ein Albtraum: Wir sehen "Griechen" in römischen Rüstungen, die sich auf magische Art durch den Raum zu teleportieren scheinen und aus dem Nichts aufploppende Schwerter und Bögen tragen. Die "Dialoge" erinnern dabei in ihrer Schwülstigkeit eher an Linked-In-Posts als an Homer. So viel zur historischen Genauigkeit. Dass jede Pore glänzt, jeder Muskel austrainiert aussieht (über diese Ästhetik habe ich schon einmal geschrieben), täuscht auch hier nicht darüber hinweg, dass der Ersteller des Videos eben kein Christopher Nolan ist. Dass es ihm trotz der geballten KI-Rechenkraft eben doch an etwas fehlt: Können.   

Es ist vielleicht kein Zufall, dass man auch dem Noch-Kanzler Friedrich Merz, der sich gerne über die Faulheit der Deutschen beschwert, derzeit ebenfalls mangelnde Fähigkeiten attestiert. Merz gab in der Vergangenheit gerne anderen die Verantwortung: Den "Nölern und Nörglern" etwa, die ihn so böse behandeln würden wie keinen Bundeskanzler vor ihm. Im Fall der desaströsen Wahl in Sachsen-Anhalt gab er dem stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden Sepp Müller die Schuld, der dem dortigen Spitzenkandidaten "in den Rücken gefallen" sei.  

Wenn der Name Merz fällt, heißt es selbst in der eigenen Fraktion laut aktuellen Berichten inzwischen oft: "Er kann es nicht." Da hätte man auch gleich sagen können: skill issue! Es ginge beim Kanzlersein darum, Interessengruppen einzubinden, Prozesse zu steuern und Befindlichkeiten ausgleichen, sagt zum Beispiel eine ranghohe Quelle in einer aktuellen Recherche der ZEIT. Merz beherrsche davon nichts. Besonders lustig fand ich dabei die Aussage eines CDU-Landespolitikers, der sich von dem Vorwurf abgrenzt, dass Merz das Land "wie eine Firma" behandle: So wie Merz führe, könne man auch keine Firma führen, wird er zitiert, "so kann man gar nicht führen." 

Natürlich soll die Skill-Issue-Brille nicht über Probleme und Hürden jenseits der eigenen Fähigkeiten hinwegtäuschen. Und selbstverständlich scheitert nicht jeder nur an fehlendem Können, sondern auch an den Umständen. Ich glaube aber, dass uns jenseits der ganzen strukturellen Probleme ein kleiner Fokus auf Fähigkeiten gerade sehr guttun würde. Also zum Beispiel, mal ganz banal, durch mehr Geld für Bildung anstatt dauernder Arbeiten-bis-ins-Grab-Appelle (hust, Pisa, hust hust). Oder durch die Ablehnung sogenannter "Deskilling"-Prozesse, die dazu führen, dass Menschen ihre erlernten Berufe plötzlich nicht mehr beherrschen und Aufgaben von minderwertiger KI erledigen lassen. Und vielleicht auch durch die Auseinandersetzung mit der Frage, wie es uns besser gelingt, Menschen in Machtpositionen zu bringen, die ihre Sache auch wirklich beherrschen. 

Meine Empfehlungen der Woche

Wer diesen Newsletter regelmäßig liest, hat in dieser Woche vielleicht eine Einschätzung zu dem derzeit zirkulierenden "KI-CEOs warnen vor dem durch sie ausgelösten Weltuntergang"-Kram erwartet. Ich kann gar nicht mehr mitzählen, zum wievielten Mal derlei "Warnungen" in den vergangenen Jahren Thema waren, immer inklusive aus der Luft gegriffener 10- oder 20-Prozent-Wahrscheinlichkeiten – und immer auch ohne Konsequenzen. Dementsprechend bin ich etwas müde, mich zu diesem Doom-Marketing zu verhalten und es von berechtigter Kritik an KI abzugrenzen. Sehr gut und nuanciert hat das der Techkritiker Brian Merchant in seinem Newsletter "Blood in the Machine" gemacht.

Auch wenn mir die Musik nicht so wahnsinnig zusagt, finde ich die Hardtekk-Szene in Ostdeutschland ziemlich interessant: Junge Menschen, die aus Mangel an Kulturorten sowas wie einen regionalen Underground geschaffen haben, der sich um Livemusik mit extrem übersteuerten Kicks dreht. Eigentlich ziemlich punk! Ein Problem ist allerdings, dass die Szene sich zwar unpolitisch gibt, damit aber ein Einfalltor für Rechtsextremismus und Rumkokettiererei mit Nazi-Symbolen bietet. Zwei Reporterinnen des Y-Kollektivs waren auf eine angenehm unpeinliche Art in der Szene unterwegs.  

Und zuletzt noch ein Spielfilm, den ich im Kino verpasst habe und nun hoffentlich bald daheim nachholen werde: "In die Sonne schauen" von Mascha Schilinski bekam im vergangenen Jahr gefühlt hunderte Preise, war Oscar-Shortlist-Kandidat und wurde mir von vielen Leuten ans Herz gelegt. Warum ich ihn noch nicht gesehen habe? Zugegeben, war ich zuletzt so übersättigt von Filmen mit "Die Vergangenheit holt uns ein"-Gedanken und Trauma-Erzählstruktur, dass ich erstmal keine Flashback-Szenen mehr sehen wollte. Mal sehen, ob mich dieser Film hier doch noch abholt. 

Und noch ein Last-Minute-Konzerttipp: Am Freitag werde ich mir Takako Minekawa im Bellevue Di Monaco in München anschauen. Sie macht Ambient, unter anderem mit Mikrofon-Feedbacks. Ich glaube, das wird schön.


Mit 99,9-prozentiger Wahrscheinlichkeit bis nächste Woche!

Im Vordergrund Louis, der vom Schüler zum Darknet-Boss aufstieg, im Hintergrund nachgestellter Einsatz von SEK Polizisten.

Mehr Kultur